Gurbetelli Ersöz
- Der Tod hat gegen die Freiheit verloren
Alle Tode sind unser wie auch alle Freiheiten. Höre mir zu, Gurbet:
Auch wir sind es, die die Efendis, die Herren, von der Sklaverei
befreien werden. Der Morgenröte werden wir nicht mit der Stimme der
Sonne begegnen, sondern mit unserer Schönheit.
Sieh da, das Kind in der Ecke, dessen Augen wie die Samen der Kugeln
auf den Boden fallen! Sie sehen dich an! Es sieht die Welt mit
deinen Augen, es hält mit deiner Stirn seinen Kopf aufrecht, deine
Wärme umgibt das Kind. Du läßt ein warmes Lächeln auf die Erde
fallen. Die Erde ist dermaßen verwirrt, daß sie nicht weiß, was sie
machen soll. Meine Heimat drückt dich schließlich an ihre Brust,
zusammen mit den Toten ohne Leinentücher.
Ob
die Erde dich umarmt oder du die Erde, weiß ich nicht. Ihr seid
dermaßen ineinandergeraten, daß ich jede blühende Blume von euch
halte, von dir halte.
Der
Marsch der Völker, die mit Klagegesängen heranwachsen, erfolgt mit
Liedern. Du singst das Lied der Erde mit der Waffe deines Wissens.
"Unser
göttlicher Segen ist wie der Nil. Wir sind Euphrat und Tigris", sagt
einer. Du bist sowohl Euphrat als auch Tigris, der Nil überflutet
das Land mit dir. Wenn Ägypten reich gesegnet ist, dann nur deshalb.
Allein aus diesem Grund knien die Pharaonen vor dem Nil. Aus diesem
Grund erhebt sich der Tigris gegen die Könige. Daß sich die Tinte
vor der schwarzen Tafel schämt, ist ebenfalls darauf zurückzuführen.
Die
Nachricht deines Todes erreichte mich gestern. Mich erfüllte keine
Trauer. Niemandem habe ich etwas gesagt. Schreiben wollte ich nur.
Das Schreiben ist die größte Rache, sagte ich mir. Ich habe es in
mir verborgen. Aber ist es denn einfach, über dich zu schreiben? Ist
es einfach, die Berge zu beschreiben, die von Walnußbäumen
geschmückt werden, ist es einfach, mit den Augen der kleinen
Wasserquellen meines vergifteten Landes dich anzusehen? Nein, ist es
nicht!
Es
ist die große Jahreszeit der Schwalben. Ich weiß nicht, ob die Vögel
aus dem Süden oder Westen kommen. Warum ist der Tod dermaßen kalt?
Ich weiß auch nicht, warum so früh. Hör' Gurbet, ich spreche zu dir:
Aber höre, als mich die Nachricht deines Todes erreichte, sah ich am
Himmel eine Vogelschar, eine Schar flügelloser Vögel erhob sich.
Doch wie hatten sie alle ihre Flügel geöffnet! Kamen sie aus einem
Märchenland hierher geflogen, war der Tod so müde geworden, warst du
der Vogel, der herabschwebte?
Oder war die Sonne am Horizont mit dem Himmel deinetwegen in Streit
geraten?
Oder hatte der Mond seine Haare angezündet, als er dich sah? Und
verbarg er aus diesem Grunde einen Teil seines Gesichtes vor den
Sternen? Ich weiß es nicht. Ich konnte das Blaue am Himmel auf
nichts anderes zurückführen. Du hattest damit etwas zu tun.
So
wie sich der Geruch der Erde nach dem Regen auf der ganzen Erdfläche
festsetzt, so setzte sich dein Tod in meiner Seele fest. Einen
Augenblick dachte ich, meine Seele wäre gelähmt.
Danach begann ich zu lachen, wirres Zeug zu sprechen. Ich habe auch
mit niemandem über deinen Tod gesprochen. Abgesehen davon bist du ja
gar nicht tot. Wem sollte ich von deinem Tod erzählen? Man kann ja
den Tod mit niemandem teilen.
Es
gibt keinen Tod?
Nur
die Schlechten sind gestorben, wir haben dieses Wort nur für die
Schlechten ausgesprochen. Wir sagten, der König ist tot, der
Padischah ist tot, der General ist tot. Der Tod gehört den Trägern
der Epauletten, die Unsterblichkeit dagegen uns. Kann das Wasser
sterben? Kann die Erde sterben? Kann der Wind sterben? Kann ich
sagen, du seist gestorben?
Kann ich, außer mein Herz in deine Hand zu schütten, etwas tun? Du
stehst jetzt vor mir und bist wieder vor dem Gericht, deine Hände
sind geöffnet wie Euphrat und Tigris und du schreist nicht dich,
sondern dein Land heraus. Ich sage nicht, du verteidigst sie. Nein
Gurbet, du schreist. Frage nicht, was du herausschreist, natürlich
die Freiheit.
Was
hast du je außer der Freiheit besessen?
Als
ich nach dir rief, dachte ich an einen Berg. Und an einen still
dahinströmenden Fluß neben dem Berg. Ich konnte mich nicht
entscheiden, welches von beiden Gurbet ist. Wenn ich sage der Berg,
wird der Fluß gekränkt sein. Sage ich der Fluß, so wird der Berg
gekränkt sein. Ich war verzweifelt.
Weißt du, früher konnten die Berge fliegen, denn sie hatte große
Flügel gleich denen großer Vögel. Später wollten der dunkle Stern
mit dem schlechten Herz und die dunklen Hände des Himmels und der
Erde den Berg am Fliegen hindern. Sie hatten dem Blitz die Aufgabe
erteilt, die Flügel des Berges zu brechen. Daraufhin hatte der Blitz
gemeinsam mit den bösen Sternen die Flügel des Berges gebrochen. Der
Berg brach zusammen, konnte nicht mehr aufstehen. Die Bäume,
Pflanzen, alle Naturwesen sammelten sich zusammen, um die Wunde des
Berges zu stillen. Seitdem fließen die Flüsse neben dem Berg, die
Blumen verströmen ihre besten Gerüche auf den Bergen, die Vögel
fliegen am freiesten auf den Bergen.
Wirst du böse, wenn ich dich Berg nenne? Nein, du bist ein Fluß, der
mit der kurdischen Sprache, die ein Symbol der Freiheit ist, den
Berg entlang gleitet.
Während die meisten Menschen ein Spielzeug in den Händen des Todes
werden und zu zittern beginnen, sobald vom Tode die Rede ist, wurde
der Tod in deinen Händen zum Spielzeug und fiel zitternd in deinen
Händen um. Du bist ein Fluß. Der Tod wurde in Stücke gerissen in den
Händen der Freiheit.
Du
kamst vor dir und bist auch nach dir. |