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Gurbetelli Ersöz - Der Tod hat gegen die Freiheit verloren (1995)

Gurbetelli Ersöz - Der Tod hat gegen die Freiheit verloren

Alle Tode sind unser wie auch alle Freiheiten. Höre mir zu, Gurbet: Auch wir sind es, die die Efendis, die Herren, von der Sklaverei befreien werden. Der Morgenröte werden wir nicht mit der Stimme der Sonne begegnen, sondern mit unserer Schönheit.

Sieh da, das Kind in der Ecke, dessen Augen wie die Samen der Kugeln auf den Boden fallen! Sie sehen dich an! Es sieht die Welt mit deinen Augen, es hält mit deiner Stirn seinen Kopf aufrecht, deine Wärme umgibt das Kind. Du läßt ein warmes Lächeln auf die Erde fallen. Die Erde ist dermaßen verwirrt, daß sie nicht weiß, was sie machen soll. Meine Heimat drückt dich schließlich an ihre Brust, zusammen mit den Toten ohne Leinentücher.

Ob die Erde dich umarmt oder du die Erde, weiß ich nicht. Ihr seid dermaßen ineinandergeraten, daß ich jede blühende Blume von euch halte, von dir halte.

Der Marsch der Völker, die mit Klagegesängen heranwachsen, erfolgt mit Liedern. Du singst das Lied der Erde mit der Waffe deines Wissens.

"Unser göttlicher Segen ist wie der Nil. Wir sind Euphrat und Tigris", sagt einer. Du bist sowohl Euphrat als auch Tigris, der Nil überflutet das Land mit dir. Wenn Ägypten reich gesegnet ist, dann nur deshalb. Allein aus diesem Grund knien die Pharaonen vor dem Nil. Aus diesem Grund erhebt sich der Tigris gegen die Könige. Daß sich die Tinte vor der schwarzen Tafel schämt, ist ebenfalls darauf zurückzuführen.

Die Nachricht deines Todes erreichte mich gestern. Mich erfüllte keine Trauer. Niemandem habe ich etwas gesagt. Schreiben wollte ich nur. Das Schreiben ist die größte Rache, sagte ich mir. Ich habe es in mir verborgen. Aber ist es denn einfach, über dich zu schreiben? Ist es einfach, die Berge zu beschreiben, die von Walnußbäumen geschmückt werden, ist es einfach, mit den Augen der kleinen Wasserquellen meines vergifteten Landes dich anzusehen? Nein, ist es nicht!

Es ist die große Jahreszeit der Schwalben. Ich weiß nicht, ob die Vögel aus dem Süden oder Westen kommen. Warum ist der Tod dermaßen kalt? Ich weiß auch nicht, warum so früh. Hör' Gurbet, ich spreche zu dir: Aber höre, als mich die Nachricht deines Todes erreichte, sah ich am Himmel eine Vogelschar, eine Schar flügelloser Vögel erhob sich. Doch wie hatten sie alle ihre Flügel geöffnet! Kamen sie aus einem Märchenland hierher geflogen, war der Tod so müde geworden, warst du der Vogel, der herabschwebte?

Oder war die Sonne am Horizont mit dem Himmel deinetwegen in Streit geraten?

Oder hatte der Mond seine Haare angezündet, als er dich sah? Und verbarg er aus diesem Grunde einen Teil seines Gesichtes vor den Sternen? Ich weiß es nicht. Ich konnte das Blaue am Himmel auf nichts anderes zurückführen. Du hattest damit etwas zu tun.

So wie sich der Geruch der Erde nach dem Regen auf der ganzen Erdfläche festsetzt, so setzte sich dein Tod in meiner Seele fest. Einen Augenblick dachte ich, meine Seele wäre gelähmt.

Danach begann ich zu lachen, wirres Zeug zu sprechen. Ich habe auch mit niemandem über deinen Tod gesprochen. Abgesehen davon bist du ja gar nicht tot. Wem sollte ich von deinem Tod erzählen? Man kann ja den Tod mit niemandem teilen.

Es gibt keinen Tod?

Nur die Schlechten sind gestorben, wir haben dieses Wort nur für die Schlechten ausgesprochen. Wir sagten, der König ist tot, der Padischah ist tot, der General ist tot. Der Tod gehört den Trägern der Epauletten, die Unsterblichkeit dagegen uns. Kann das Wasser sterben? Kann die Erde sterben? Kann der Wind sterben? Kann ich sagen, du seist gestorben?

Kann ich, außer mein Herz in deine Hand zu schütten, etwas tun? Du stehst jetzt vor mir und bist wieder vor dem Gericht, deine Hände sind geöffnet wie Euphrat und Tigris und du schreist nicht dich, sondern dein Land heraus. Ich sage nicht, du verteidigst sie. Nein Gurbet, du schreist. Frage nicht, was du herausschreist, natürlich die Freiheit.

Was hast du je außer der Freiheit besessen?

Als ich nach dir rief, dachte ich an einen Berg. Und an einen still dahinströmenden Fluß neben dem Berg. Ich konnte mich nicht entscheiden, welches von beiden Gurbet ist. Wenn ich sage der Berg, wird der Fluß gekränkt sein. Sage ich der Fluß, so wird der Berg gekränkt sein. Ich war verzweifelt.

Weißt du, früher konnten die Berge fliegen, denn sie hatte große Flügel gleich denen großer Vögel. Später wollten der dunkle Stern mit dem schlechten Herz und die dunklen Hände des Himmels und der Erde den Berg am Fliegen hindern. Sie hatten dem Blitz die Aufgabe erteilt, die Flügel des Berges zu brechen. Daraufhin hatte der Blitz gemeinsam mit den bösen Sternen die Flügel des Berges gebrochen. Der Berg brach zusammen, konnte nicht mehr aufstehen. Die Bäume, Pflanzen, alle Naturwesen sammelten sich zusammen, um die Wunde des Berges zu stillen. Seitdem fließen die Flüsse neben dem Berg, die Blumen verströmen ihre besten Gerüche auf den Bergen, die Vögel fliegen am freiesten auf den Bergen.

Wirst du böse, wenn ich dich Berg nenne? Nein, du bist ein Fluß, der mit der kurdischen Sprache, die ein Symbol der Freiheit ist, den Berg entlang gleitet.

Während die meisten Menschen ein Spielzeug in den Händen des Todes werden und zu zittern beginnen, sobald vom Tode die Rede ist, wurde der Tod in deinen Händen zum Spielzeug und fiel zitternd in deinen Händen um. Du bist ein Fluß. Der Tod wurde in Stücke gerissen in den Händen der Freiheit.

Du kamst vor dir und bist auch nach dir.          


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