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Erinnerungen an Cengiz
Du
bist ein Beispiel für viele geworden. Nein, du warst nicht auf der
Flucht, wie hier in Deutschland einige glaubten und behaupteten.
Eine neue Etappe deines Lebens hatte begonnen, und du hattest diesen
Weg gewählt. Selbstbewußt hattest du dich als Internationalist
bezeichnet, der die ausgetretenen Pfade des Politikmachens in
Deutschland verlassen wollte. Andere Genossen und Genossinnen
wolltest du mit deinem Beispiel überzeugen und mobilisieren.
Lieber Freund,
Hevale heja, Cengiz Heval,
viel Zeit ist
vergangen, seit ich dich getroffen habe. Doch vergessen, vergessen
werde ich dich nie.
Februar 1994, Winter
in Kurdistan. Lange Zeit waren wir schon unterwegs, von Gabar (Nordkurdistan)
nach Südkurdistan. Ich weiß nicht mehr, wie viele Tage es waren, es
waren sehr viele. Der Winter verlängert jeden Weg. Zum Beispiel der
Regen, er kommt mit wenigen Tropfen, und im nächsten Moment
verwandelt er sich in riesige Sturzbäche. Oder aber er verwandelt
sich in kürzester Zeit in Schnee, der sich dann auf der Erde stapelt,
immer höher und höher, und so für uns den Weg immer beschwerlicher
macht. Dann der Matsch, der die Berge in Rutschbahnen verwandelt.
Schmierseife, die es unmöglich macht, die Berge hinaufzukommen. Ein
Schritt nach vorne bedeutet dann oft, daß wir drei zurückrutschen.
Dazu natürlich noch der gefährliche Weg durch die vom Feind
besetzten Ebenen Kurdistans.
Und doch, im Februar
1994 haben wir die Grenze zu Südkurdistan erreicht. Ein alter
Grenzstein erinnerte uns daran, daß hier einmal eine Grenze gewesen,
dieses Gebiet von der türkischen Armee besetzt war. Jetzt sind wir
nur noch an ihren verlassenen ehemaligen Kasernen vorbeigekommen und
an den Minen, die sie hier überall verstreut haben.
Wir sind auf dem Weg
zum Hauptquartier. Wie immer heißt es, daß wir gleich da sind, es
nicht mehr weit sei, nur noch über den nächsten kleinen Gipfel. Und
dann verfärbt sich in Sekundenschnelle der strahlend blaue Himmel
pechschwarz. Mit Blitzen und Donner öffnete er sich und ein
Schneegestöber ließ uns nicht mehr erkennen. Jetzt nur nicht die
Fußstapfen des Freundes vor mir aus den Augen verlieren. Dabei
tauchte in meinem Kopf immer wieder die selbe Frage auf: Wie schafft
es nur der Erste, vorne die Orientierung nicht zu verlieren? Ich
lief wie die anderen auch nur noch automatisch, schnell, als ob wir
den Blitzen davonlaufen könnten. Jetzt kann ich darüber lachen, doch
weiß ich noch ganz genau, wie meine Hand versuchte, das Metall der
Kalaschnikow zu verbergen. Als ließen sich die Blitze davon täuschen.
Das Hauptquartier
war sehr gut für den Winter ausgebaut. Tiefe, große Erdhöhlen waren
ebenso angelegt worden wie auch tiefe, in die Berge gesprengte
Höhlen, die wir später kennenlernen sollten. Der Platz und die
Höhlen waren so gut ausgesucht und in den Hang gebaut, daß und die
türkische Luftwaffe keine Bomben vor die Eingänge werfen konnte.
Eigentlich sollten
wir nur einige Tage bleiben, uns ausruhen von dem letzten,
anstrengenden Weg, bis es weiter Richtung Süden gehen sollte. Die
Tage waren wunderschön. Die Sonne, wenn sie nicht durch tiefe Wolken
verdeckt war, strahlte eine verführerische Wärme aus, und für die
kalten Nächte standen in allen Höhlen Öfen, die nur nachts angeheizt
werden durften und uns, sobald es dunkelte, wärmte.
An fast allen Tagen,
wenn der Himmel dieses überwältigende Blau hatte, die Sonne die
weißen Berge glitzern ließ, flog die türkische Luftwaffe ihre
Angriffe. Wahllos warfen sie ihre Last, verschossen ihre Raketen und
zerschmetterten mit ihren Bomben die Berge, die schon an vielen
Stellen nur noch Steinbrüchen glichen. Oft waren sie so nah bei uns,
daß wir die Piloten in ihren Kanzeln erkennen und sehen konnten, wie
sie die Bomben ausklinkten. Eine ungeheure Zerstörungswut gegen alle
und alles geht von dieser Armee aus. Sie machen keinen Unterschied
zwischen Mensch, Tier oder Natur. Sie kennen nur dieses eine Ziel:
Vernichten, Zerstören.
Diese eine Nacht,
als ich dich kennenlernte, werde ich nicht vergessen. Wachte ich
oder träumte ich, als ich deinen Berliner Dialekt hörte? Ein mir
unbekanntes Gesicht blickte mich an und begrüßte mich. Du kamst mit
einer neuen Gruppe aus dem Süden. Auf dem Weg in den Norden machtet
ihr hier einen kurzen Halt. Cengiz, und so kreuzte sich unser Weg.
Wie klein diese Welt ist. In der Nacht hatten wir uns nur kurz
begrüßt, zu müde war ich. Schnell war ich wieder eingeschlafen, und
so saßen wir am nächsten Morgen in der Sonne vor unserer Höhle. Es
war wieder so ein wunderschöner Morgen, die Sonne erwärmte unsere
noch von der Nacht ausgekühlten Körper, und du erzähltest mir aus
deinem Leben, wie du von Berlin in die Berge gekommen bist. Ich
wartete auf den Befehl, daß wir uns fertig machen sollten, denn
eigentlich sollte es für uns heute weitergehen. Dieses Warten ist
oft nervtötend, denn die Zeit ist in den Bergen eine andere. Wenn
nicht heute, dann morgen, wenn nicht morgen, dann übermorgen... Aber
heute sollte es für uns dann doch nicht weitergehen. Ich genoß es,
mit dir zu reden. Und so bemerkte ich nicht, wie die Zeit verging,
und sehnte den Abmarsch gar nicht herbei. Lange schon hatte ich
nichts mehr aus Deutschland gehört. Was passierte in Deutschland?
Wir genossen die morgendlichen Sonnenstrahlen und ich saugte die
Worte auf, mit denen du von der Situation in Deutschland
berichtetest. Doch wir hatten nicht die Zeit, daß du mir ausführlich
über deinen abenteuerlichen Weg hierhin erzählen konntest. Mit einem
Mal, ohne Vorwarnung, tobten die Jets über uns am Himmel. Irgend
etwas war diesmal anders. Sofort gab es Alarm. Schnell alles stehen-
und liegenlassen und weg von unserer Höhle, schnell hin zu den
tiefen, in die Berge gesprengten Höhlen, die besonders befestigt
waren. Alles spielte sich in Sekundenschnelle ab, schnell füllten
sich die Höhlen.
Eng saßen wir
beisammen, lachend, singend, bis es krachte - ein ohrenbetäubendes
Krachen. Sofort waren alle ruhig und ich glaube, in diesen Moment
dachten alle das gleiche: ãOh, das war aber nah.ã Sie deckten uns
mit ihren Bomben und Raketen ein, zerschossen mit ihren schweren
Bordgeschützen unser Lager. Wußten sie, wo wir uns befanden? Im
nächsten Moment ein weiterer ohrenbetäubender Knall. Die Druckwelle
berührte unsere Körper, ein Gefühl, als wenn einem die Haare zu
Berge stehen. Was ist los, was ist geschehen? Alles um uns herum war
mit einem Mal tiefschwarz, niemand und nichts mehr war zu sehen.
Nach und nach legte sich ein schwarzer Nebel auf unsere Gesichter,
alles hatte sich schwarz verfärbt. Wir mußten über uns lachen. Durch
die Druckwelle hatte sich das Ofenrohr selbstständig gemacht und der
Ruß hatte sich in der ganzen Höhle und auch auf uns verteilt.
Wie es wohl draußen
aussieht? Ohne Unterlaß krachte und zischte es. Ob alle den Weg in
die Höhlen geschafft haben?
Unsere Höhlen sind
sicher. Tief in den Bergen kann uns wenig passieren. Und trotzdem,
wie lange ging dieser Angriff jetzt schon? Eine Stunde, zwei Stunden...
Wie lange sollte es
noch weitergehen? Wir hatten uns schon an den Lärm ihrer Bomben,
Raketen und schweren Bordgeschütze gewöhnt, so daß es uns gar nicht
sofort auffiel, daß draußen Ruhe einkehrte. Jemand rief mit einem
Mal in die Höhle hinein: "Es schneit, sie sind weg!" Niemand konnte
dies glauben, waren wir doch bei klarstem blauen Himmel in die
Höhlen gekrochen. Doch es stimmte, schwere weiße Flocken tanzten vom
Himmel herunter. Schnell raus, schnell schnell. Im Laufschritt ging
es über die Trümmer unseres Lagers. Zwei Stunden hatten sie uns
bombardiert, hatten alles menschenverachtende Material, das sie bei
sich führten, über uns abgeworfen, alles in Schutt und Asche gebombt
und gezielt unsere Höhlen unter Feuer genommen. Für dich, Cengiz,
war es das erste Mal, daß das feindliche Feuer so direkt in deine
Nähe gekommen war. Nur mit dem, was wir an unserem Körper trugen,
ging es los. Erst einmal weg, bevor eine zweite Welle anrollen
konnte und vor allem, sich nicht auf ein Stellungsgefecht einlassen.
Die ganze Zeit warst du in meiner Nähe. Wir liefen den Berg hinunter,
immer weiter und weiter. Keine Ahnung, wie lange wir bis zum
nächsten Punkt gelaufen sind. Doch bekannt war mir dieser Weg. Vor
knapp einem Jahr bin ich diesen für mich ersten Weg in die
kurdischen Berge gegangen. Vor knapp einem Jahr in Richtung Norden.
Wo kommen nur immer
so schnell diese geliebten Teekessel her? Schnell wurde Brot besorgt.
Wasser, Holz und das erste Wasser kochte schon für den heißersehnten
Tee. Alle, bis auf diejenigen, die sofort für die Wachen eingeteilt
wurden oder andere Aufgaben hatten, saßen verteilt in ihren Mangas
am Feuer und wärmten sich. Viele waren in sich gekehrt, ruhig,
nachdenklich. Schnell kam die Nacht, es gab keine Decken, keine
schützenden Höhlen. Kalt war es.
Doch die Nachtruhe
währte nicht lange. Kurz nur schliefen wir oder versuchten es. Die
wenigsten hatten ihr Cefiye (Kopftuch, in Deutschland als
ãPalästinensertuchã bekannt) dabei, auch unsere lagen noch im
Höhlenlager. Gab es diese Höhle überhaupt noch? Du hattest noch
nicht einmal deine Jacke an.
Nachts noch gingen
wir in das zerstörte Hauptquartier zurück und retteten die Dinge,
die nicht total vom Angriff zerstört worden sind. Richtig war die
Entscheidung, das Lager bepackt mit den geretteten Gegenständen
gleich bei Tagesanbruch wieder zu verlassen, denn erfahrungsgemäß
würden die Bomber und Helikopter wiederkommen. Zwei Tage noch
zerschossen und zerbombten sie das von uns bereits geräumte Lager,
wüteten mit ungeheurer Zerstörungsgewalt gegen Natur und Umwelt.
Wieder einmal hörten wir ihre Lügen im Radio: "Guerillalager
zerstört, über 80 Kämpfer und Kämpferinnen getötet." Doch wir lebten!
Alle? Ein Freund hatte den Weg in die Höhlen nicht mehr geschafft,
ein Freud hatte diesen Angriff nicht überlebt, einen treuen Freud
haben sie uns genommen.
Zwei unruhige Tage
mit viel Bewegung waren wir noch zusammen, bis ich meinen Befehl zum
Abmarsch erhielt. Tage, Erinnerungen an dich, die ich nicht
vergessen werde. Deine Erzählungen und Geschichten über dein Leben
in Berlin, deine Entscheidung, in die Berge zu gehen.
Du bist ein Beispiel
für viele geworden. Nein, du warst nicht auf der Flucht, wie hier in
Deutschland einige glaubten und behaupteten. Eine neue Etappe deines
Lebens hatte begonnen, und du hattest diesen Weg gewählt.
Selbstbewußt hattest du dich als Internationalist bezeichnet, der
die ausgetretenen Pfade des Politikmachens in Deutschland verlassen
wollte. Andere Genossen und Genossinnen wolltest du mit deinem
Beispiel überzeugen und mobilisieren.
Nur zweieinhalb
Jahre konntest du das Leben eines Guerilla in den kurdischen Bergen
leben. Eine wichtige Zeit in deinem Leben konntest du in der Reihen
der Guerilla-Einheiten der DHP (Revolutionäre Volkspartei) kämpfen.
Doch nicht die Länge deines Lebens ist das Entscheidene gewesen,
sondern wie du dein Leben gefüllt hast. Cengiz mein Freund, nur kurz
haben sich unsere Wege gekreuzt. Nur einen kurzen Pfad in unserem
Leben konnten wir zusammen gehen. Mein teurer Freund, zu sagen, daß
wir dich vermissen, ist überflüssig. Du bist das Beispiel dafür, daß
die Gefallenen im Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung
unsterblich sind.
Juni
1997
Dein
Freund und Genosse Haki Heval
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