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Erinnerungen an Cengiz-eIn Brief von hakI heval (junI 1997)

Erinnerungen an Cengiz

Du bist ein Beispiel für viele geworden. Nein, du warst nicht auf der Flucht, wie hier in Deutschland einige glaubten und behaupteten. Eine neue Etappe deines Lebens hatte begonnen, und du hattest diesen Weg gewählt. Selbstbewußt hattest du dich als Internationalist bezeichnet, der die ausgetretenen Pfade des Politikmachens in Deutschland verlassen wollte. Andere Genossen und Genossinnen wolltest du mit deinem Beispiel überzeugen und mobilisieren.

Lieber Freund, Hevale heja, Cengiz Heval,

viel Zeit ist vergangen, seit ich dich getroffen habe. Doch vergessen, vergessen werde ich dich nie.

Februar 1994, Winter in Kurdistan. Lange Zeit waren wir schon unterwegs, von Gabar (Nordkurdistan) nach Südkurdistan. Ich weiß nicht mehr, wie viele Tage es waren, es waren sehr viele. Der Winter verlängert jeden Weg. Zum Beispiel der Regen, er kommt mit wenigen Tropfen, und im nächsten Moment verwandelt er sich in riesige Sturzbäche. Oder aber er verwandelt sich in kürzester Zeit in Schnee, der sich dann auf der Erde stapelt, immer höher und höher, und so für uns den Weg immer beschwerlicher macht. Dann der Matsch, der die Berge in Rutschbahnen verwandelt. Schmierseife, die es unmöglich macht, die Berge hinaufzukommen. Ein Schritt nach vorne bedeutet dann oft, daß wir drei zurückrutschen. Dazu natürlich noch der gefährliche Weg durch die vom Feind besetzten Ebenen Kurdistans.

Und doch, im Februar 1994 haben wir die Grenze zu Südkurdistan erreicht. Ein alter Grenzstein erinnerte uns daran, daß hier einmal eine Grenze gewesen, dieses Gebiet von der türkischen Armee besetzt war. Jetzt sind wir nur noch an ihren verlassenen ehemaligen Kasernen vorbeigekommen und an den Minen, die sie hier überall verstreut haben.

Wir sind auf dem Weg zum Hauptquartier. Wie immer heißt es, daß wir gleich da sind, es nicht mehr weit sei, nur noch über den nächsten kleinen Gipfel. Und dann verfärbt sich in Sekundenschnelle der strahlend blaue Himmel pechschwarz. Mit Blitzen und Donner öffnete er sich und ein Schneegestöber ließ uns nicht mehr erkennen. Jetzt nur nicht die Fußstapfen des Freundes vor mir aus den Augen verlieren. Dabei tauchte in meinem Kopf immer wieder die selbe Frage auf: Wie schafft es nur der Erste, vorne die Orientierung nicht zu verlieren? Ich lief wie die anderen auch nur noch automatisch, schnell, als ob wir den Blitzen davonlaufen könnten. Jetzt kann ich darüber lachen, doch weiß ich noch ganz genau, wie meine Hand versuchte, das Metall der Kalaschnikow zu verbergen. Als ließen sich die Blitze davon täuschen.

Das Hauptquartier war sehr gut für den Winter ausgebaut. Tiefe, große Erdhöhlen waren ebenso angelegt worden wie auch tiefe, in die Berge gesprengte Höhlen, die wir später kennenlernen sollten. Der Platz und die Höhlen waren so gut ausgesucht und in den Hang gebaut, daß und die türkische Luftwaffe keine Bomben vor die Eingänge werfen konnte.

Eigentlich sollten wir nur einige Tage bleiben, uns ausruhen von dem letzten, anstrengenden Weg, bis es weiter Richtung Süden gehen sollte. Die Tage waren wunderschön. Die Sonne, wenn sie nicht durch tiefe Wolken verdeckt war, strahlte eine verführerische Wärme aus, und für die kalten Nächte standen in allen Höhlen Öfen, die nur nachts angeheizt werden durften und uns, sobald es dunkelte, wärmte.

An fast allen Tagen, wenn der Himmel dieses überwältigende Blau hatte, die Sonne die weißen Berge glitzern ließ, flog die türkische Luftwaffe ihre Angriffe. Wahllos warfen sie ihre Last, verschossen ihre Raketen und zerschmetterten mit ihren Bomben die Berge, die schon an vielen Stellen nur noch Steinbrüchen glichen. Oft waren sie so nah bei uns, daß wir die Piloten in ihren Kanzeln erkennen und sehen konnten, wie sie die Bomben ausklinkten. Eine ungeheure Zerstörungswut gegen alle und alles geht von dieser Armee aus. Sie machen keinen Unterschied zwischen Mensch, Tier oder Natur. Sie kennen nur dieses eine Ziel: Vernichten, Zerstören.

Diese eine Nacht, als ich dich kennenlernte, werde ich nicht vergessen. Wachte ich oder träumte ich, als ich deinen Berliner Dialekt hörte? Ein mir unbekanntes Gesicht blickte mich an und begrüßte mich. Du kamst mit einer neuen Gruppe aus dem Süden. Auf dem Weg in den Norden machtet ihr hier einen kurzen Halt. Cengiz, und so kreuzte sich unser Weg. Wie klein diese Welt ist. In der Nacht hatten wir uns nur kurz begrüßt, zu müde war ich. Schnell war ich wieder eingeschlafen, und so saßen wir am nächsten Morgen in der Sonne vor unserer Höhle. Es war wieder so ein wunderschöner Morgen, die Sonne erwärmte unsere noch von der Nacht ausgekühlten Körper, und du erzähltest mir aus deinem Leben, wie du von Berlin in die Berge gekommen bist. Ich wartete auf den Befehl, daß wir uns fertig machen sollten, denn eigentlich sollte es für uns heute weitergehen. Dieses Warten ist oft nervtötend, denn die Zeit ist in den Bergen eine andere. Wenn nicht heute, dann morgen, wenn nicht morgen, dann übermorgen... Aber heute sollte es für uns dann doch nicht weitergehen. Ich genoß es, mit dir zu reden. Und so bemerkte ich nicht, wie die Zeit verging, und sehnte den Abmarsch gar nicht herbei. Lange schon hatte ich nichts mehr aus Deutschland gehört. Was passierte in Deutschland? Wir genossen die morgendlichen Sonnenstrahlen und ich saugte die Worte auf, mit denen du von der Situation in Deutschland berichtetest. Doch wir hatten nicht die Zeit, daß du mir ausführlich über deinen abenteuerlichen Weg hierhin erzählen konntest. Mit einem Mal, ohne Vorwarnung, tobten die Jets über uns am Himmel. Irgend etwas war diesmal anders. Sofort gab es Alarm. Schnell alles stehen- und liegenlassen und weg von unserer Höhle, schnell hin zu den tiefen, in die Berge gesprengten Höhlen, die besonders befestigt waren. Alles spielte sich in Sekundenschnelle ab, schnell füllten sich die Höhlen.

Eng saßen wir beisammen, lachend, singend, bis es krachte - ein ohrenbetäubendes Krachen. Sofort waren alle ruhig und ich glaube, in diesen Moment dachten alle das gleiche: ãOh, das war aber nah.ã Sie deckten uns mit ihren Bomben und Raketen ein, zerschossen mit ihren schweren Bordgeschützen unser Lager. Wußten sie, wo wir uns befanden? Im nächsten Moment ein weiterer ohrenbetäubender Knall. Die Druckwelle berührte unsere Körper, ein Gefühl, als wenn einem die Haare zu Berge stehen. Was ist los, was ist geschehen? Alles um uns herum war mit einem Mal tiefschwarz, niemand und nichts mehr war zu sehen. Nach und nach legte sich ein schwarzer Nebel auf unsere Gesichter, alles hatte sich schwarz verfärbt. Wir mußten über uns lachen. Durch die Druckwelle hatte sich das Ofenrohr selbstständig gemacht und der Ruß hatte sich in der ganzen Höhle und auch auf uns verteilt.

Wie es wohl draußen aussieht? Ohne Unterlaß krachte und zischte es. Ob alle den Weg in die Höhlen geschafft haben?

Unsere Höhlen sind sicher. Tief in den Bergen kann uns wenig passieren. Und trotzdem, wie lange ging dieser Angriff jetzt schon? Eine Stunde, zwei Stunden...

Wie lange sollte es noch weitergehen? Wir hatten uns schon an den Lärm ihrer Bomben, Raketen und schweren Bordgeschütze gewöhnt, so daß es uns gar nicht sofort auffiel, daß draußen Ruhe einkehrte. Jemand rief mit einem Mal in die Höhle hinein: "Es schneit, sie sind weg!" Niemand konnte dies glauben, waren wir doch bei klarstem blauen Himmel in die Höhlen gekrochen. Doch es stimmte, schwere weiße Flocken tanzten vom Himmel herunter. Schnell raus, schnell schnell. Im Laufschritt ging es über die Trümmer unseres Lagers. Zwei Stunden hatten sie uns bombardiert, hatten alles menschenverachtende Material, das sie bei sich führten, über uns abgeworfen, alles in Schutt und Asche gebombt und gezielt unsere Höhlen unter Feuer genommen. Für dich, Cengiz, war es das erste Mal, daß das feindliche Feuer so direkt in deine Nähe gekommen war. Nur mit dem, was wir an unserem Körper trugen, ging es los. Erst einmal weg, bevor eine zweite Welle anrollen konnte und vor allem, sich nicht auf ein Stellungsgefecht einlassen. Die ganze Zeit warst du in meiner Nähe. Wir liefen den Berg hinunter, immer weiter und weiter. Keine Ahnung, wie lange wir bis zum nächsten Punkt gelaufen sind. Doch bekannt war mir dieser Weg. Vor knapp einem Jahr bin ich diesen für mich ersten Weg in die kurdischen Berge gegangen. Vor knapp einem Jahr in Richtung Norden.

Wo kommen nur immer so schnell diese geliebten Teekessel her? Schnell wurde Brot besorgt. Wasser, Holz und das erste Wasser kochte schon für den heißersehnten Tee. Alle, bis auf diejenigen, die sofort für die Wachen eingeteilt wurden oder andere Aufgaben hatten, saßen verteilt in ihren Mangas am Feuer und wärmten sich. Viele waren in sich gekehrt, ruhig, nachdenklich. Schnell kam die Nacht, es gab keine Decken, keine schützenden Höhlen. Kalt war es.

Doch die Nachtruhe währte nicht lange. Kurz nur schliefen wir oder versuchten es. Die wenigsten hatten ihr Cefiye (Kopftuch, in Deutschland als ãPalästinensertuchã bekannt) dabei, auch unsere lagen noch im Höhlenlager. Gab es diese Höhle überhaupt noch? Du hattest noch nicht einmal deine Jacke an.

Nachts noch gingen wir in das zerstörte Hauptquartier zurück und retteten die Dinge, die nicht total vom Angriff zerstört worden sind. Richtig war die Entscheidung, das Lager bepackt mit den geretteten Gegenständen gleich bei Tagesanbruch wieder zu verlassen, denn erfahrungsgemäß würden die Bomber und Helikopter wiederkommen. Zwei Tage noch zerschossen und zerbombten sie das von uns bereits geräumte Lager, wüteten mit ungeheurer Zerstörungsgewalt gegen Natur und Umwelt. Wieder einmal hörten wir ihre Lügen im Radio: "Guerillalager zerstört, über 80 Kämpfer und Kämpferinnen getötet." Doch wir lebten! Alle? Ein Freund hatte den Weg in die Höhlen nicht mehr geschafft, ein Freud hatte diesen Angriff nicht überlebt, einen treuen Freud haben sie uns genommen.

Zwei unruhige Tage mit viel Bewegung waren wir noch zusammen, bis ich meinen Befehl zum Abmarsch erhielt. Tage, Erinnerungen an dich, die ich nicht vergessen werde. Deine Erzählungen und Geschichten über dein Leben in Berlin, deine Entscheidung, in die Berge zu gehen.

Du bist ein Beispiel für viele geworden. Nein, du warst nicht auf der Flucht, wie hier in Deutschland einige glaubten und behaupteten. Eine neue Etappe deines Lebens hatte begonnen, und du hattest diesen Weg gewählt. Selbstbewußt hattest du dich als Internationalist bezeichnet, der die ausgetretenen Pfade des Politikmachens in Deutschland verlassen wollte. Andere Genossen und Genossinnen wolltest du mit deinem Beispiel überzeugen und mobilisieren.

Nur zweieinhalb Jahre konntest du das Leben eines Guerilla in den kurdischen Bergen leben. Eine wichtige Zeit in deinem Leben konntest du in der Reihen der Guerilla-Einheiten der DHP (Revolutionäre Volkspartei) kämpfen. Doch nicht die Länge deines Lebens ist das Entscheidene gewesen, sondern wie du dein Leben gefüllt hast. Cengiz mein Freund, nur kurz haben sich unsere Wege gekreuzt. Nur einen kurzen Pfad in unserem Leben konnten wir zusammen gehen. Mein teurer Freund, zu sagen, daß wir dich vermissen, ist überflüssig. Du bist das Beispiel dafür, daß die Gefallenen im Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung unsterblich sind.

Juni 1997

Dein Freund und Genosse Haki Heval


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