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Þehît
Ronahî! (Andrea Wolf)
Unsere Freundin Andrea Wolf - Heval
Ronahî - Internationalistin der Frauenarmee des Freien
Frauenverbandes Kurdistans, wurde von türkischen Sicherheitskräften
ermordet
Von Pelda Adar und Haki Munzur
Heval Ronahî wurde am 22. Oktober 1998 in der Provinz Çatak im
Norden Kurdistans bei einer Operation der türkischen Armee von
Sicherheitskräften gefangen genommen und anschließend ermordet.
In
dem Gebiet Çatak, Beytüssebap, in der Nähe des Dorfes Keles, kam es
in den Morgenstunden des 22.10.1998 zwischen der ARGK-Guerilla und
der türkischen Armee zu einer mehrstündigen militärischen
Auseinandersetzung. Während dieses Gefechtes fielen 11 Freundinnen
und Freunde lebend in die Hände des Feindes. Darunter auch unsere
Freundin Ronahî. 20 Minuten versuchten die Soldaten sie zu verhören
und zum Verrat zu zwingen. Als sie feststellten, daß sie deutsche
Internationalistin ist, gab ein türkischer Offizier den Befehl, sie
zu erschießen mit den Worten: „Sie wird uns genau so viel Ärger
bereiten wie Kani*,". Auch die anderen, lebend und unverletzt
Festgenommenen, wurden daraufhin erschossen. Diese Tatsachen können
so genau dokumentiert werden, weil einige Guerillas in nächster Nähe
zu Augenzeugen wurden. Es war ihnen zuvor gelungen, sich in einer
Höhle, keine vier Meter entfernt, zu verstecken; von hier aus
konnten sie alles genau beobachten. Nur acht der insgesamt 39
Guerillas, die an dieser Auseinandersetzung beteiligt waren, konnten
entkommen und in die Reihen der ARGK zurückkehren.
Erst
drei Tage später konnte die ARGK zurück an den Ort der
Auseinandersetzung. Dort fanden sie die Leichen der ermordeten
Guerillas, auch die unserer Freundin Ronahî. Zusammen mit den
anderen wurde sie von der ARGK in den Bergen Kurdistans begraben.
Ronahî hatte über ihr Leben in den Bergen Aufzeichnungen gemacht und
Tagebuch geführt. Das alles ist vermutlich in die Hände des Feindes
gefallen.
Andrea ging Mitte der 90er Jahre nach Kurdistan und schloß sich dort
der Frauenarmee des Freien Frauenverbandes, YAJK, an. Dort wollte
sie Organisationsprozesse begreifen und kennenlernen, dort wollte
sie die Erfahrungen, die sie in ihren 33 Jahren sammeln konnte,
einfließen lassen. Das Leben von Andrea war bestimmt durch die
gesellschaftlichen Widersprüche und die sozialen Kämpfe in der
Bundesrepublik Deutschland. Sie selbst sagte, daß sie in einer
bewegten Zeit der 68er Revolte in München groß geworden ist. Mit 15
Jahren schloß sie sich der neuen Jugendbewegung an. Sie und ihre
GenossInnen organisierten Kultur- und Musikveranstaltungen, stellten
eigene Zeitungen her, besetzten Häuser, sprühten politische Parolen.
Sie verachteten das kapitalistische System und taten das einzige,
was ihnen ein Überleben als Mensch in diesem System möglich machte:
sie griffen es an.
In der BRD überschlugen sich die Ereignisse. Trotz massenhafter
Proteste setzte die Bundesregierung ihre großen wirtschaftlichen und
militärischen Projekte durch. Sie überging Hunderttausende der
Friedensbewegung, die auf der Straße gegen Atomwaffen und die
Stationierung der Mittelstreckenraketen protestierten. Die
Regierenden ignorierten ebenfalls die Umwelt- und die Anti-Atomkraftbewegung.
Trotz starker Mobilisierung von Bürgerbe-wegungen und militanten
revolutionären Gruppen gegen diese zerstörerischen Großprojekte
wurde ein Atomkraftwerk nach dem anderen gebaut; große Projekte wie
der Flughafenausbau der Startbahn-West in Frankfurt zerstörten
Wälder und Wohnviertel. Die Widersprüche in der Gesellschaft wurden
zum einen mit immer strikteren Gesetzen und einem gigantischen
Ausbau des Polizeiapperates beantwortet und zum anderen mit dem
Aufbau einer systemkonformen Ökologiepartei wie der Grünen. Gegen
diese politische Entwicklung engagierte sich Andrea und organisierte
sich unter anderem in autonomen Frauenzusammenhängen. Schon früh
wurde sie mit dem repressiven, westdeutschen Staat konfrontiert.
Durch die Inszenierung eines Agenten des Verfassungsschutzes kam sie
im September 1987 für drei Monate in Isolationshaft. Trotz der
Bedingung der Isohaft konnte sie mit anderen politischen gefangenen
Frauen Kontakt aufnehmen, was ihr Leben entscheidend veränderte: die
Freiheit der politischen Gefangenen und der Kampf gegen die Folter
bekam sehr großes Gewicht in ihrem Leben.
Die Verbundenheit mit den gefangenen Genossinnen und Genossen, der
Kampf gegen Faschismus und Imperialismus und der Kampf für
Frauenbefreiung war ihr wesentlicher Lebensinhalt. Der
Internationalismus war für sie der Weg, um in der Metropole, Stück
für Stück, die Freiheit zu erkämpfen. Wichtig war für sie, aus den
internationalen Kämpfen Lehren zu ziehen und Erfahrungen aus
Kampfprozessen anderer Länder hier in den politischen Kampf
einzubeziehen. Der Staat ließ nichts unversucht, um Andrea wieder
und wieder in die Enge zu treiben. So schleuste der Staatsschutz den
Spitzel Steinmetz in linke Gruppen. Auch Andrea und ihre Freundinnen
und Freunde waren in Kontakt mit ihm, seine Enttarnung war der
Beginn einer sehr schweren Phase ihres Lebens. Der Spitzel Steinmetz
lieferte Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld, beide organisiert in
der Roten Armee Fraktion (RAF), dem Bundeskriminalamt und der
Sondertruppe des Bundesgrenzschutz, GSG 9, aus. Wolfgang Grams wurde
bei seiner Festnahme ermordet, Birgit Hogefeld wurde zu einer
lebenslangen Haftstrafe verurteilt.
Andrea war von diesen Ereignissen sehr erschüttert. Es wurde
versucht, ihr eine Beteiligung an dem Anschlag der RAF auf das
Gefängnis in Weiterstadt anzuhängen. Andrea hat eine Teilnahme
bestritten. Zur Zeit des Angriffes hielt sie sich nachweisbar in
Mittelamerika auf. Andrea war aber deswegen gefährlich für den
Staat, da sie öffentlich machte, daß der Agent Steinmetz, und somit
der Staatsschutz selber, vorher von dem Angriff der RAF auf
Weiterstadt gewußt hatten. Zusammen mit ihr sollte ihr gesamtes
soziales und politisches Umfeld kriminalisiert werden.
Hausdurchsuchungen folgten, Freundinnen und Freunde sollten zu
Aussagen erpreßt werden. Die, die keine Aussagen vor dem
Bundesgerichtshof (BGH) machten, wurden in Beugehaft genommen.
Andrea ist zu ihrer Zeugenvorladung vor dem BGH nicht erschienen.
Eine Verhaftung und eine längere Haftstrafe erschien ihr sicher, und
so wollte sie erstmal in einiger Entfernung die Situation neu
einschätzen und bewerten.
Andrea hatte schon lange vor der Zuspitzung der Repression eine
Beziehung zur kurdischen Revolution. Früher hatte sie sehr viele
Widersprüche zur PKK. Die Diffamierung des kurdischen
Befreiungskampfes beeinflußte auch sie, denn sehr geschickt wurde
diese Kampagne gegen die PKK von vermeintlichen Linken mit
eingeleitet.
Andrea aber setzte sich mit dem Internationalismus der PKK
auseinander und stieß dabei auf den Befreiungskampf der Frauen und
dessen Rolle in der Revolution der Arbeiterpartei. Die Entwicklung
der Frauenarmee der YAJK übte eine besondere Anziehungskraft auf sie
aus. Sie wollte sie kennenlernen, hier wollte sie Erfahrungen
sammeln und natürlich auch ihre Erfahrungen einfließen lassen. Jetzt
ergriff sie die Möglichkeit, den kurdischen Befreiungskampf, die PKK
und die Berge kennenzulernen. Wie konnte eine kleine Gruppe wie die
PKK es schaffen, sich in ihrer kurzen 20-jährigen Parteigeschichte
zu einer gesellschaftlichen Perspektive zu entwickeln? Diese Frage
wollte sie studieren und Antworten finden.
So
sehr sie den kurdischen Befreiungskampf auch lieben lernte, so hatte
sie trotzdem vor, nach einiger Zeit nach Europa zurückzukehren. Ihre
Erfahrungen wollte sie für andere sichtbar machen: über das Leben
der Guerilla und der kurdischen Bevölkerung wollte sie berichten,
einen Neuaufbau revolutionärer, internationalistischer Politik
wollte sie mitbestimmen.
Unsere Freundin und Genossin Ronahî ist von türkischen Soldaten
ermordet worden. In den Bergen Beytüssebaps wurde sie nun begraben.
Über
3000 Meter hoch sind dort die Berge. Durch die dünne Luft zeichnen
sich die Konturen der Berge vor dem leuchtend blauen Himmel deutlich
ab. Bäume gibt es hier nicht, aber das klarste, kühlste Wasser. Die
Jahreszeiten sind im Sommer an einem Tag vereint. Wenn morgens die
Sonne die Kälte durchbricht, das Eis anfängt zu schmelzen und die
Blumen das harte Grün durchbrechen, entsteht aus einem kleinen
Rinnsal ein kleiner Fluß. Die Mittagssonne verbrennt allen die Haut.
Am späten Nachmittag dann, sofort wenn die Sonne hinter den Bergen
versinkt, kommt der Herbst. Eine eisige Kälte überzieht dann die
Berge und läßt das Wasser wieder gefrieren. Im Winter fallen hier 30
Meter Schnee. Kein Mensch kann dann in diesen Bergen leben. Dort ist
Ronahî geblieben, wie viele andere Freundinnen und Freunde. Alles,
ihr junges kostbares Leben, haben sie für ihre Sehnsucht nach
Freiheit und Gerechtigkeit gegeben.
In
unseren Herzen und in unserer Arbeit werden sie weiterleben. Heval
Ronahî hat ihr Leben geliebt. Ihr Lachen und ihre Lebensfreude wird
allen, die sie kennenlernen konnten, unvergeßlich bleiben.
Ronahî war eine Kämpferin der freien Frauenarmee. Die Freundinnen
ihrer Einheit haben uns geschrieben, wie sehr sie von den Menschen
in den Bergen geliebt wurde. Sie brachte die körperliche und
psychische Kraft für das schwere Leben der Guerilla auf. Sie war bei
den Genossinnen hoch angesehen und geschätzt, sie war vielen bekannt
und ein Beispiel. Immer wenn sie in ein neues Gebiet kam, wußten die
Freundinnen schon vorher von ihr. Sie lebte das Leben einer
wirklichen PKK-Militanten. Ein Prinzip der PKK: 90 % des Kampfes
richtet sich gegen die alte Persönlichkeit, den Feind in uns selbst.
Diesen inneren und oft schmerzreichen Kampf hat Ronahî geführt.
Konsequent stellte sie Strukturen ihres alten Lebens in Frage.
Andrea, Ronahî Heval, wie sollen wir diese Zeilen abschließen? Es
fällt uns schwer, denn über dein Leben gibt es so viel zu berichten.
Streitgespräche ebenso wie Lachen und Tanzen. Harte Diskussionen und
schöne Gespräche, Lieder und Kampf, dein lachendes Gesicht, dein
trauriges Gesicht, deine Entschlossenheit, dein Mut ... Ronahi Heval,
vergessen werden wir dich nie.
Sehît namirin! Unsere gefallenen Revolutionärinnen sind unsterblich!
*Kani ist der Guerillaname der Hamburgerin Eva Juhnke,
die im September wegen PKK-Mitgliedschaft vor dem
Staatssicherheitsgericht in Van zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt
wurde.
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