Von Sakine Zagros
Oh
Halil. Wir erhalten hier nicht wie auf den Bergen die dunklen
Nachrichten. Genau so wie bei Nuda habe ich die dunkle Nachricht
erhalten. Ich habe tagelang eine zweite Nachricht erwartet. Ich
suchte nach einer Stimme die: “Überraschung, Halil ist zurück
gekehrt” sagte. Aber nein. Sie kam nicht. Weißt du noch, als wir vor
Monaten die gute Nachricht erhalten hatten, dass du verletzt
überlebt hast. Das war es also, es war nur ein mal möglich. Oh
Halil, wie wird es jetzt nur ohne dich? Ausserdem hatte ich noch
einen nicht verwirklichten Traum für dich. Ich wollte dir eine
Kamera senden. Ich spürte den Schmerz in deinen Zeilen, die dir das
Nichtvorhandensein der Kamera zufügt. Aber im Herzen verspüre ich
wieder den Schmerz des zu spät seins und füge dies dem täglich mehr
werden halben Sachen, die mir als Schmerz zurück bleiben.
Einige Tage, bevor ich erfahren habe, dass du in die
Ewigkeit eingegangen bist, habe ich einen Text verfasst. Ich wollte
die Schönheiten aufführen, die du inne hattest, als du noch lebtest.
Ich bin mir sicher, dass du dich sehr darüber freuen würdest,
hättest du diese erhalten. Das letzte mal, als ich dich in Kortêk
sah, sah ich auch die Freude in deinem Gesicht, die dir ein kleines
aber wichtiges Gerät bereitet hatte, dass dir ein Freund geschickt
hatte. Ich bin mir sicher, dass du dich auch gefreut hättest,
hättest du die Kamera nicht erhalten. Denn du warst immer ein Mensch
mit tiefen Gefühlen. Wie imposant war die Gala des Filmes Bêrîtan
auf den Bergen. Du hattest im dunkeln einen Platz eingenommen, in
dem du alle Gesichter der Zuschauer sehen konntest, du wolltest die
Kritik erkennen, die nicht in Worte und auf Papier zu verfassen war.
War das nicht eine der besten und schönsten Seiten von dir? Im Film
haben wir geweint und gelacht, wir waren wütend, aber wir haben alle
diesen Film geliebt. Natürlich hatten die Freunde die Überraschung
für mich verraten, ich habe mir aber nichts anmerken lassen. Es war
wieder ein wunderbarer Zug von dir, daran zu denken, das
Eröffnungslied mit meiner Stimme auf die Bühne zu bringen.
Ja Halil, ich wüsste, als ich diese Zeilen
verfasste, dass du mit den Genossen gegen die Todesmaschinen des
Feindes im Kampf warst. Ich weiss, dass dieses Schreiben keine
Bedeutung mehr hat. Nehme es als persönliche Kritik dafür auf, dass
ich eine ganz einfache Verantwortung dir gegenüber nicht getragen
habe. Und bitte vergib mir, dass ich zu spät war und du ohne Kamera…
“Seit einiger Zeit lese ich schweren Herzens die
Notizen von Botan. Halil aus den Bergen, Halil, der in die Berge
verliebt ist. Halil, der in die rebellischen Berge gegangen ist, um
in deren Kronen die wunderschönen Schätze wieder zu finden; Halil,
der nicht von seinem Weg abzubringen war, ist verwundet, ich weiss
nicht, ob ihr davon gehört habt. Er hat es selbst geschrieben, ich
weiss nicht, ob ihr es gelesen habt. Was heisst hier verwundet, er
ist vom Tode zurück gekehrt. Und zwar in einem Spaziergang in seinen
Heimatbergen in Ağrı. So wie er es selbst gesagt hat, konnte er vom
Ausschreitungsgebiet nur sein Leben mitnehmen. Seine Kamera, all
seine Arbeiten, alle Bilder, die er vom Bergleben für die Ewigkeit
geschossen hat, waren Tod, in Tausend Teile im Gebiet der
Ausschreitung liegen geblieben. Er ist aber kein Künstler, der das
physisch zu Stande gebracht hat, nein, mit seinen Werken,
Erfindungen und seinen Erfolgen hat er das auch erreicht. Er ist mit
allem zurück gekehrt, dass ist die grösste Freude für uns“.
Der erste Ort, an dem ich ihn gesehen habe, war der
Zap. Er hatte seine Meinung geändert und ist zu der Führung zurück
gekehrt, die er mit dem Fotoapparat besucht hatte. Er hatte eine
kurze Reise geplant und sie hat zu seiner endlosen geführt.
Halil…Ein rebellisches Herz, der seit dem Tag, seit ich ihn kenne,
schwor, keinen Weg unbegangen, keinen Pass unüberquert, keinen
Abgrund überwunden, keine Höhle unergründet zu lassen.
Seine rebellische Art, liegt in seiner Ruhe. Wie die
Flüsse. Wussten sie das? Wenn die Flüsse ruhig aussehen, ist ihr
Fliesskraft noch stärker. Auch Halil war wie ein ruhiger Fluss stark
im fliessen. Er hat wenig gesprochen, viel geschaut, beobachtet. Ich
weiss nicht, ob es an dem liegt, aber nicht jedes Auge sieht das,
was er sieht. Er entdeckte die tiefsten und versteckten Seiten. Er
vermittelt seine Gedanken an die Menschen, entweder über Texte, über
Fotografien oder über Filme. Er überträgt das gradlinig, ganz
einfach und ganz innig, so dass man darüber nachdenkt, wieso man
etwas so offensichtliches übersehen hat.
Es ist ja so, jedes Auge schaut, aber nicht jedes
sieht etwas. Nicht jedes Auge kann das, was es sieht so in Bilder
festhalten. Jedes Herz klopft, Aber nicht jeder kann das, was in
seinem Herzen verborgen ist, so aufschreiben. Der Unterschied vom
Künstler Halil und den anderen wahren Künstlerin liegt genau darin.
Das Versteckte entdecken, die Dinge aus der Tiefe holen, Übersetzer
der Herzen der Menschen zu sein. Bilder oder Texte aus Euphorie,
Schmerzen, Liebe und Zielen oder ähnlichen Sachen zu erzeugen...
Ja, Halils Kamera ist bei der Auseinandersetzung,
bei der er mit dem Leben davon gekommen ist, durchschossen worden.
In den Botan Texten schreibt er alle verpassten Momente auf. Das was
er nicht aufnehmen kann, lässt er in seine Schriften einfliessen.
Seine Texte sind eigentlich genau so gut, wie die Filme. Ich kann
ihn mir aber nicht ohne Kamera und Fotos vorstellen. Ihr kennt ihn
als Halil Uysal aber sein Name in den Sptizen der Berge ist
Kameraman Halil. Seine Name hängt mit der Kamera zusammen. Halil,
ist ohne Kamera ohne Flügel, ohne Arme, ein Guerilla ohne Waffe. Ein
halber Halil.
Er konnte den Schmerz nicht so einach überwinden,
die ihm die nicht vorhandenen Bilder zufügten. Ok. er ist Autor,
aber er will das was er geschrieben hat, mit Bildern belegen. Er
will, dass die Fotos die Aufnahmen erzählen.
Halils Augen haben auf dem Weg unsagbar viel Dinge
entdeckt, es steht in seinen Texten auf dem Weg nach Botan. Immer,
wenn er “Schade, ich habe wieder ein Bild verpasst“ sagt, brennt
mein Herz. Ich wollte ihn hören, in dem Unmöglichen. Der Halil, der
Millionen den Film BÊRÎTAN gegeben hat, ist jetzt ohne Kamera. Er
braucht eine Kamera. Er ist ja auch nur mit seinem Leben zu uns
gekommen. Lassen wir ihm eine Kamera zukommen, was ist denn schon
dabei... „Bedeutet denn die Kamera etwas im Gegenzug zu dem, was er
uns gegeben, mit was er uns bereichert hat?“
Seit Tagen reden wir in den Spitzen der Berge mit
den Freunden nur über dich. Einer sagt dies: „Werden wir diese
schöne Brise nicht mehr spüren? Ich konnte so schön atmen mit seinen
Schriften. Ist er auch gegangen? Mit seinen Bergen, mit seinen
Freunden auf den Bergen, mit seiner einfachen Art und mit der
Schönheit seiner Innigkeit. Wer wird uns jetzt dort hin führen?“
So wie du in die herzlichen Mütter und unser
schmerzerfülltes Land verliebt warst, so wie du den Steinen, den
Gewässern, dem Grünen in den Bildern Leben gegeben hast, genau so
haben sie sich mit einer grossen Liebe dir verbunden gefühlt, Halil.
Wie sollen sich nun die rebellischen Bergspitzen daran gewöhnen,
dass du nicht mehr da bist?
In unseren Herzen hängt dein kindliches, schämendes
und reines Lächeln. Auch dieses Bild hast du gemacht. Keine Kraft
kann dieses Bild von dort runter hängen. Ich küsse dein schönes
Gesicht und deine heilige Erde…