Halil
lernte ich 1995 in Brüssel kennen. Einen Monat vorher waren die
türkischen Truppen mal wieder in breiter front in den Nordirak
eingefallen. Ich hatte einen Anruf erhalten, ob ich nicht für einige
zeit in Syrien als Kameramann arbeiten wollte. Ich konnte spontan
zusagen. Mehr wusste ich nicht.
In Brüssel wurde mir Halil als mein Begleiter vorgestellt. Er war
für die redaktionelle arbeit, Organisation und meinen Assistenz
zuständig.
Hier erfuhr ich, dass die antwort auf die türkische Miltäroffensive
der kurdische Kampf um die köpfe sein sollte. MED TV stand kurz vor
der Gründung. es fehlten nur noch wenige Unterschriften. Die Türkei
schäumte. Alles wurde daran gesetzt das zu verhindern.
Halil erzählte mir, er sei im Ruhrgebiet groß geworden. Er selbst
kämpfte mit seiner Entfremdung von seiner Kultur, wie es viele
kurdische jugendliche, die in Europa groß werden tun.
Halil war sehr hager und trug eine starke Brille. Er war
durchdrungen von der Idee, dem kurdischen Volk seine Identität
wieder zu erkämpfen. Sein blick auf die Welt und deren soziale
kämpfe war klar geprägt von seinen bisherigen Erfahrungen mit dem
kurdischen Freiheitskampf. Er hatte sich schon einige
Kameratechniken angeeignet. Unsere Aufgabe sollte es sein, ein netz
von Kameraleuten zu bilden, die aus Syrien dem entstehenden
kurdischen fernsehen zuarbeiten sollten. Viele Themen des kurdischen
alltags mussten gedreht werden um eben dieser kulturellen
Entfremdung in der Diaspora entgegen zu wirken und ebenfalls zu
helfen eine gemeinsame kurdische Identität aufzubauen. Der erste
internationale Sender eines Landes, das als Nation noch nicht
existierte und doch 1000e Jahre gemeinsamer Tradition hat. Ein land
getrennt durch 4 grenzen, zwei Schriften, mehrere sprachen und
tausend Täler und berge, eine feudale und sehr starre
Gesellschaftsstruktur mit vielen Parteien und die imperialen
Interessen einer Vielzahl von Ländern.
Halils großer Traum sollte auf unserer reise gleich mehrfach in
Erfüllung gehen, Präsident Abdullah Öcalan zu treffen und sich mit
ihm aus zu tauschen.
Überall wo Halil und ich hinkamen wurden wir herzlich empfangen-
fast ehrfürchtig: das kurdische fernsehen ist da! Der stolz eines
Volkes, was noch nicht mal seine Sprache sprechen darf. Ich verstand
so gut wie kein kurdisch, aber seine Worte wurden von allen
Gesprächsteilnehmern mit großem Interesse und großem ernst
aufgenommen. Er hatte stets dieses ziel vor Augen: dem kurdischen
Volk zu dienen. Wir wurden von einem zum anderen rumgereicht, das
Equipment meist gesondert transportiert, da auch die syrische
Geheimpolizei nicht schlief. Er sagte nicht zu unrecht, dass das mit
meinen "gelben haaren" nicht sonderlich gut wäre- färben sollte ich
sie aber auch nicht. Einmal ärgerte ich mich, weil bei einer
Gastgeberfamilie jemand über Nacht meine Schuhe geputzt hatte und
ich das peinlich fand. Er sagte:" Ihr Europäer kümmert euch immer
nur um die Kleinigkeiten- euch fehlt aber die große Utopie, auf die
ihr zugeht." Das hat mir doch ziemlich zu denken gegeben. Eines
Tages sollten wir die Verabschiedung von einer Gruppe Guerillas
drehen. Ich fand das ziemlich ergreifend: viele würden nicht
zurückkommen. Jeder schrieb noch einen Brief an seine freunde oder
verwandte. Dann kam die frage, die mich auch schon länger bewegte:
"willst du nicht mitkommen?" für mich war vieles noch unklar was die
kurdische Bewegung anging ich wollte noch mehr wissen, bevor ich
mein ganzes bisheriges leben aufgegeben hätte.- für Halil, das
merkte ich dort, war die Entscheidung schon gefallen. Noch konnte er
aber nicht. unsere Aufgabe war eine
andere.
Wir
drehten viele kleinere Geschichten viele, viele kurdische Lieder.
Wir waren beeindruckt von Ali Tischu, ein alter Mann, der die Kunst
des dengbej beherrschte, eine art alte kurdische Märchen und Lieder
vorzutragen und sie mit aktuellen politischen Inhalten zu
verknüpfen, die sie zu einem wichtigen nachrichten und Kulturmedium
in den Dörfern machen. Wir besuchten eine einige Wochen lang mehrere
Dörfer, die so arm waren, dass wir nicht wagten dort zu übernachten:
die Menschen hätten uns ihre letzten lebensmittel gegeben, um uns zu
bewirten- das hätten wir nicht verantworten können. Doch selbst hier
wurden für das kurdische fernsehen die Stühle verkauft, um einen
Beitrag für diese große Sache leisten zu können.
Überall, wo wir hinkamen und uns den mund fusselig redeten, wie
wichtig es wäre für MED TV eine Grundausbildung für Kameraarbeit zu
machen wehrten sich die Leute dagegen: Sie fürchteten, dann nicht
mehr in die berge gehen zu dürfen zur Guerilla sondern nur noch in
den Städten arbeiten zu müssen. So war dieser teil unserer Aufgabe
von keinem erfolg beschieden. Halil war einer von sehr vielen
europäisch aufgewachsenen jungen Kurden, die auch Diskussionen, die
sie in Europa geführt hatten oder auch in der europäischen linken
geführt wurden mit in ihre Heimat nahmen und auch so halfen alte
Strukturen neu zu positionieren.
Die Gespräche, die er in Kurdistan führte waren von einer ruhe und
Gelassenheit, die (allerdings verschärft durch meine
Sprachunkenntnis) mir leider nicht gegeben war. Ich war meist froh,
wenn nach stunden das erlösende "em herin" erklang. das mir noch die
revolutionäre ruhe fehlte wurde mir erst später klar, als wir einige
tage nicht drehen konnten und ich an allem zweifelte. Er erklärte
mir, dass viele Guerillas oft Wochen an einem ort warten mussten,
bis sie ihre Aufgabe erfüllen konnten.
Halil war jeder Luxus zuwider. Als wir eine einwöchige tour machen
wollten in abgelegene Dörfer tadelte er mich sehr als ich noch ein
paar Ersatzsocken, eine Unterhose und einen zweiten Pullover
mitnehmen wollte.
Als
wir wieder nach Sham (Damaskus) in die Führungsakademie der PKK
kamen, war mir klar, dass sein weg nicht wieder nach Europa führen
konnte. Stolz zeigte er mir seinen neuen Ausweis. Er war jetzt
syrischer Bauer geworden. Ich habe Halil viel zu verdanken! Wir
haben uns nie wieder gesehen. Er hat seinen weg gemacht und er hat
viel ereicht!
EM HERIN!