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In Erinnerung an Halil von Uwe

April 2008

Von Uwe

 

Halil lernte ich 1995 in Brüssel kennen. Einen Monat vorher waren die türkischen Truppen mal wieder in breiter front in den Nordirak eingefallen. Ich hatte einen Anruf erhalten, ob ich nicht für einige zeit in Syrien als Kameramann arbeiten wollte. Ich konnte spontan zusagen. Mehr wusste ich nicht.

In Brüssel wurde mir Halil als mein Begleiter vorgestellt. Er war für die redaktionelle arbeit, Organisation und meinen Assistenz zuständig.

Hier erfuhr ich, dass die antwort auf die türkische Miltäroffensive der kurdische Kampf um die köpfe sein sollte. MED TV stand kurz vor der Gründung. es fehlten nur noch wenige Unterschriften. Die Türkei schäumte. Alles wurde daran gesetzt das zu verhindern.

Halil erzählte mir, er sei im Ruhrgebiet groß geworden. Er selbst kämpfte mit seiner Entfremdung von seiner Kultur, wie es viele kurdische jugendliche, die in Europa groß werden tun.

Halil war sehr hager und trug eine starke Brille. Er war durchdrungen von der Idee, dem kurdischen Volk seine Identität wieder zu erkämpfen. Sein blick auf die Welt und deren soziale kämpfe war klar geprägt von seinen bisherigen Erfahrungen mit dem kurdischen Freiheitskampf. Er hatte sich schon einige Kameratechniken angeeignet. Unsere Aufgabe sollte es sein, ein netz von Kameraleuten zu bilden, die aus Syrien dem entstehenden kurdischen fernsehen zuarbeiten sollten. Viele Themen des kurdischen alltags mussten gedreht werden um eben dieser kulturellen Entfremdung in der Diaspora entgegen zu wirken und ebenfalls zu helfen eine gemeinsame kurdische Identität aufzubauen. Der erste internationale Sender eines Landes, das als Nation noch nicht existierte und doch 1000e Jahre gemeinsamer Tradition hat. Ein land getrennt durch 4 grenzen, zwei Schriften, mehrere sprachen und tausend Täler und berge, eine feudale und sehr starre Gesellschaftsstruktur mit vielen Parteien und die imperialen Interessen einer Vielzahl von Ländern.
Halils großer Traum sollte auf unserer reise gleich mehrfach in Erfüllung gehen, Präsident Abdullah Öcalan zu treffen und sich mit ihm aus zu tauschen.

Überall wo Halil und ich hinkamen wurden wir herzlich empfangen- fast ehrfürchtig: das kurdische fernsehen ist da! Der stolz eines Volkes, was noch nicht mal seine Sprache sprechen darf. Ich verstand so gut wie kein kurdisch, aber seine Worte wurden von allen Gesprächsteilnehmern mit großem Interesse und großem ernst aufgenommen. Er hatte stets dieses ziel vor Augen: dem kurdischen Volk zu dienen. Wir wurden von einem zum anderen rumgereicht, das Equipment meist gesondert transportiert, da auch die syrische Geheimpolizei nicht schlief. Er sagte nicht zu unrecht, dass das mit meinen "gelben haaren" nicht sonderlich gut wäre- färben sollte ich sie aber auch nicht. Einmal ärgerte ich mich, weil bei einer Gastgeberfamilie jemand über Nacht meine Schuhe geputzt hatte und ich das peinlich fand. Er sagte:" Ihr Europäer kümmert euch immer nur um die Kleinigkeiten- euch fehlt aber die große Utopie, auf die ihr zugeht." Das hat mir doch ziemlich zu denken gegeben. Eines Tages sollten wir die Verabschiedung von einer Gruppe Guerillas drehen. Ich fand das ziemlich ergreifend: viele würden nicht zurückkommen. Jeder schrieb noch einen Brief an seine freunde oder verwandte. Dann kam die frage, die mich auch schon länger bewegte: "willst du nicht mitkommen?" für mich war vieles noch unklar was die kurdische Bewegung anging ich wollte noch mehr wissen, bevor ich mein ganzes bisheriges leben aufgegeben hätte.- für Halil, das merkte ich dort, war die Entscheidung schon gefallen. Noch konnte er aber nicht. unsere Aufgabe war eine
andere.

Wir drehten viele kleinere Geschichten viele, viele kurdische Lieder. Wir waren beeindruckt von Ali Tischu, ein alter Mann, der die Kunst des dengbej beherrschte, eine art alte kurdische Märchen und Lieder vorzutragen und sie mit aktuellen politischen Inhalten zu verknüpfen, die sie zu einem wichtigen nachrichten und Kulturmedium in den Dörfern machen. Wir besuchten eine einige Wochen lang mehrere Dörfer, die so arm waren, dass wir nicht wagten dort zu übernachten: die Menschen hätten uns ihre letzten lebensmittel gegeben, um uns zu bewirten- das hätten wir nicht verantworten können. Doch selbst hier wurden für das kurdische fernsehen die Stühle verkauft, um einen Beitrag für diese große Sache leisten zu können.

Überall, wo wir hinkamen und uns den mund fusselig redeten, wie wichtig es wäre für MED TV eine Grundausbildung für Kameraarbeit zu machen wehrten sich die Leute dagegen: Sie fürchteten, dann nicht mehr in die berge gehen zu dürfen zur Guerilla sondern nur noch in den Städten arbeiten zu müssen. So war dieser teil unserer Aufgabe von keinem erfolg beschieden. Halil war einer von sehr vielen europäisch aufgewachsenen jungen Kurden, die auch Diskussionen, die sie in Europa geführt hatten oder auch in der europäischen linken geführt wurden mit in ihre Heimat nahmen und auch so halfen alte Strukturen neu zu positionieren.

Die Gespräche, die er in Kurdistan führte waren von einer ruhe und Gelassenheit, die (allerdings verschärft durch meine Sprachunkenntnis) mir leider nicht gegeben war. Ich war meist froh, wenn nach stunden das erlösende "em herin" erklang. das mir noch die revolutionäre ruhe fehlte wurde mir erst später klar, als wir einige tage nicht drehen konnten und ich an allem zweifelte. Er erklärte mir, dass viele Guerillas oft Wochen an einem ort warten mussten, bis sie ihre Aufgabe erfüllen konnten.

Halil war jeder Luxus zuwider. Als wir eine einwöchige tour machen wollten in abgelegene Dörfer tadelte er mich sehr als ich noch ein paar Ersatzsocken, eine Unterhose und einen zweiten Pullover mitnehmen wollte.

Als wir wieder nach Sham (Damaskus) in die Führungsakademie der PKK kamen, war mir klar, dass sein weg nicht wieder nach Europa führen konnte. Stolz zeigte er mir seinen neuen Ausweis. Er war jetzt syrischer Bauer geworden. Ich habe Halil viel zu verdanken! Wir haben uns nie wieder gesehen. Er hat seinen weg gemacht und er hat viel ereicht!

EM HERIN!
 

 
 
         
 
 

 

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