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Newroz bei der Guerilla
Aus dem Tagebuch des Kämpfers Ayhan
Kaya, Teil VI
9.
Februar 1993
In den letzten Tagen
ist es manchmal sonnig gewesen, manchmal schneite es. Die sonnigen
Tage nutzen wir, um im Freien die wärmenden Strahlen aufzusaugen.
Dann spielen und manchmal ringen wir miteinander. Im Schnee zu
ringen oder sich zu wälzen, macht unheimlich viel Spaß. Spiele
dieser Art sind uns eine willkommene Abwechslung, denn die ganze
Zeit eingeengt in kleinen Zelten zu leben, nervt uns allmählich. Man
muß in den Zagros-Bergen jeden sonnigen Tag voll auskosten, denn es
ist nicht vorauszusehen, wann das Wetter wieder umschlägt und
stürmisch wird. Die Schneestürme sind hier so stark, daß man sogar
Schwierigkeiten hat zu atmen. Bei solch starken Winden pfeift es in
die Zelte hinein, und wir bekommen das Gefühl, daß sie zerrissen
werden. Das Plastikdach macht dann soviel Krach, daß wir uns im
Innern des Zeltes nicht verständigen können. Den Sturm mag keiner
von uns. Wir empfinden ihn als Feind, gegen den wir täglich kämpfen
und den wir jeden Tag aufs Neue besiegen müssen. Trotz alledem
verläuft unser Leben fröhlich. Unsere nächtlichen Unterhaltungen
sind die beste Medizin gegen die Kälte. Aufgrund des Wasser- und
Gasmangels können wir weder uns, geschweige denn unsere Kleidung
waschen. Durch den Schmutz hat sie längst ihre Farbe verloren und
ist ganz verhärtet. Einige Freunde sagen: ãDer Feind trägt
kugelsichere Westen, nun, durch den Schmutz besitzen auch wir
schußsichere Westen und Hosen.ã
Nachdem einer von uns
seine Kleidung gewaschen hatte, stellten wir uns nebeneinander und
betrachteten uns gegenseitig. Im Gegensatz zu ihm sah ich aus wie
ein Minenarbeiter. Alle sehen wir so aus. Wir haben uns daran, es
als ganz normal zu empfinden.
Um unsere Öllampe herum
sammelten wir uns und diskutierten. Das Glas der Lampe ist
zerbrochen und der obere Teil derart verrußt, daß nur der untere
Teil uns Licht spendet. Dieses Licht ist schwächer als das einer
Kerze. Selbst das Licht eines einzigen Feuerzeuges erscheint
stärker. Doch selbst bei diesem schwachen Licht machen sich einige
Freunde Notizen in ihre Hefte.
15.
Februar 1993
Heute habe ich meinen
Stammplatz aufgesucht und angefangen, Gefühle über den Frühling
niederzuschreiben. Wir erhielten eine neue Öllampe. Sie leuchtet so
stark, daß ich jede Ecke im Zelt sehen kann. Einige Freunde redeten
miteinander, einige schliefen, andere lasen in einem Buch, wie man
Bomben und Minen baut. Draußen heulte der Wind. Während ich
schreibe, versuche ich, mich durch Gedanken an den Frühling zu
erwärmen. In den Frühling bin ich verliebt. Ganz ungeduldig warte
ich auf ihn. Wenn er kommt, wird mein aufgestauter Unmut gegen die
Umstände, welche uns der Winter aufzwingt, meine Sehnsucht nach
meinem Volk, aber auch nach fließendem Wasser, zu Ende gehen. Ich
weiß genau, der Winter wird nicht mehr allzu lange dauern. Wegen der
unbarmherzigen Winter hielt sich bis auf uns PKK-Kämpfer niemand in
dieser unwirtlichen Jahreszeit in den Zagros-Bergen auf. Und ich bin
einer von ihnen. Aber nun bereite ich mich auf den Frühling vor.
In Kurdistan ist jede
Jahreszeit sehr schön, der Frühling jedoch besitzt besondere
Schönheit: der schmelzende Schnee wird die Flüsse wieder füllen. Ich
werde mit dem Wasser dieser Flüsse meinen Durst löschen, mich
endlich nach drei Monaten wieder waschen und den Feind besonders
hart angreifen können. Ich werde wieder meinem Volk begegnen, wieder
einmal Kinderstimmen hören. Um den Kindern eine Zukunft zu geben,
werde ich kämpfen. Je härter der Winter ist, desto schöner wird der
Frühling werden. Und diese Schönheit verleiht uns eine besonders
hohe Kampfkraft.
18.
Februar 1993
Die Guerillakämpfer
brauchen wie alle anderen Menschen auch Zuneigung, Liebe und
Freundschaft. Jeder Kämpfer erfährt diese Gefühle durch seine
Mitkämpfer. Gegenseitige Unterstützung, Verbundenheit und Respekt
voreinander macht uns unschlagbar. Das Leben als Guerillero macht
den Menschen vielseitig. Die Guerilleros sind die besten
Organisatoren, die besten Soldaten und die besten Führer. Die
Guerilla repräsentiert das neue Leben in Kurdistan.
Die ersten Kämpfer
unserer Partei hatten es nicht so leicht wie wir. Aus dem Nichts
haben sie alles geschaffen. Manchmal sind sie mit nur einer einzigen
Pistole in den Kampf gezogen. Tagelang aßen oder schliefen sie
nicht. Ihre unbeugsame Kampfmoral brachte uns so weit. Viele tapfere
Frauen und Männer ließen in diesem Krieg ihr Leben.
Dieses Erbe werden wir
hüten, fortentwickeln und den nächsten Generationen weitergeben.
Durch Bücher, Filme oder Erzählungen läßt sich das Guerillaleben
nicht nachempfinden. Nur ein Kämpfer weiß, was Guerillaleben ist.
Wenn du versuchst, ein guter Kämpfer zu werden, verstehst du erst,
wie wertvoll das Leben ist und wie du durch dieses Leben unsterblich
werden kannst. Ein Guerillero muß alle seine Möglichkeiten und
Talente für das Leben einsetzen. Jeder Mensch ist talentiert, der
eine mehr, der andere weniger. In der Guerilla aber wird man zu
einem großen Talent, zu einem Überlebenskünstler. Zum ersten Mal
verrichtete ich in Lelikan Küchenarbeit. Früher hatte ich einmal
gesehen, wie Männer Brot backten. Darüber war ich damals schockiert.
Männer, die ãFrauenarbeitã machten! Durch die PKK haben wir gelernt,
dieses Tabu zu zerschmettern. Wir haben gelernt, unsere Arbeit
selber zu machen, für uns selber zu sorgen. Am Anfang konnte ich
nicht gut kochen, und das machte mich traurig. Als ich aber mit der
Zeit kochen lernte und mein Essen schmackhaft wurde, freute ich mich
sehr darüber. Denn nun hatte ich das Gefühl, meinen Freunden besser
dienen zu können.
Der bewaffnete Kampf
ist für den Guerillakämpfer der wichtigste Lebensabschnitt. Solche
Kämpfe geben Lebenskraft und Mut. Man bleibt seelisch in Form. Ohne
diesen Kampf wird man faul und ängstlich. Deshalb hält sich jemand,
der dies feststellt, immer für die schwierigsten Aufgaben bereit.
Wer kämpfen will, empfindet Aversion gegen das Lagerleben. Doch wenn
die äußeren Umstände zum Campleben zwingen, bedeutet dies eine
ständige Vorbereitung auf den Kampf. Die Guerilla ist der Stolz der
Berge. Sie garantiert die Existenz Kurdistans und des kurdischen
Volkes. Durch sie ist Kurdistan ein Land der Märtyrer geworden und
der Schlüssel zur Freiheit und des neuen Lebens.
23.
Februar 1993
Gestern war der erste
Todestag des Märtyrers Sertaq. Mahir, einer unserer Kommandanten,
sprach mit mir. Ich bat ihn, die Familien unserer gefallenen Freunde
Sertaq und Cevahir, zu benachrichtigen. Sie haben ein Recht darauf
zu erfahren, daß ihre Söhne nicht mehr leben. Vor allem ist es
besser, wenn sie es durch uns erfahren. Sagt den Freunden: Sertaq,
Cevahir und unsere anderen Märtyrer tränken unser Land mit ihrem
Blut. Erzählt den singenden Vögeln von Sertaq, den gelben Blumen von
Cevahir. Ihr Vögel, besucht jedes Jahr am 22. Februar das Grab von
Sertaq. Berichtet ihm, daß unsere Bewegung immer größer und daß
unser Sieg immer sicherer wird. Macht ihm diese Freude. Wenn seine
Eltern von seinem Tod erfahren, werden sie traurig, aber auch sehr
stolz sein.
6.
März 1993
Heute ist es besonders
stürmisch. Unser Zelt, das anfangs aussah wie ein zweistöckiges Haus,
gleicht jetzt durch den Schnee einem Schutzbunker. Der Eingang ist
so zugeschneit, daß nur kleine Füchse hereinkommen können. Einige
Freunde versuchen, den Eingang freizubekommen. Aber jedesmal, wenn
sie denken, sie hätten den ganzen Schnee weggeräumt, weht der Sturm
die dreifache Menge wieder heran. Trotz allem läuft das Leben im
Zelt normal weiter.
9.
März 1993
Heute Nacht war der
Sturm so stark, daß unser Zelt zusammenzufallen drohte. Wir mußten
in ein anderes umziehen. Einzeln krochen wir aus unserem Zelt
heraus. Bis wir unsere nur zehn Meter weit entfernte Küche erreicht
hatten, war unsere Kleidung schon gefroren. Als ich an der Küche
vorbeiging, konnte ich nichts mehr sehen. Ich dachte schon, ich
hätte mich verlaufen. Das andere Zelt lag zweihundert Meter weiter.
Ich rief ständig meine Freunde, so daß sie immer wußten, wo ich mich
im Moment befand. Ich versank im Schnee, kam aber immer wieder
heraus. Auf dem Weg verlor ich meine Gummistiefel und fror
schrecklich. Mein Rucksack und meine Waffe klebten an meiner
gefrorenen Kleidung. Als ich endlich in das Zelt hineinkam, fingen
meine Freunde an zu lachen. Das ärgerte mich in diesem Moment. Alle
anderen, die nach mir kamen, sahen auch nicht anders aus. In dieses
Zelt paßten nur 15 Personen. Die andere Hälfte meiner Gruppe ging zu
den anderen Zelten.
Um uns zu erwärmen,
saßen oder lagen wir dicht beieinander. Einer sagte: ãDer Sturm
versucht uns das Leben zur Hölle zu machen. Ein kleines Fest sollte
unsere Antwort darauf sein.ã Wir akzeptierten diesen Vorschlag, und
obwohl wir nicht vorbereitet waren, wurde es sehr schön.
20.
März 1993
Nach zwei Tagen Sturm
schien endlich wieder die Sonne. Wir brachten unsere Zelte in
Ordnung. Eine Gruppe schleppte von einem nahegelegenen Dorf Heizöl
herbei. Es war ein schönes Gefühl, in unserem Zelt wieder einmal
Wärme zu spüren. Vor einigen Tagen ging auch unsere Gruppe Heizöl
holen. Unterwegs hatten wir die ganze Zeit gesungen. Je näher wir
dem Dorf kamen, desto mehr spürten wir den kommenden Frühling. Daß
wir uns wieder freier bewegen konnten, machte uns fröhlich. Mit
derselben Begeisterung kehrten wir in unser ãHausã zurück.
Wir erhielten den
Befehl, nach Xankurke zu gehen. Endlich ging es wieder los. Wir
trafen alle Vorbereitungen und brachten unsere Waffen und Rucksäcke
in Ordnung. Ein Spähtrupp kam zurück und berichtete, daß wir ohne
Probleme losziehen könnten. Aber das Wetter schlug um, und wir
mußten bleiben.
Heute ist außerdem
Newroz, das kurdische Neujahrsfest. An so einem Tag wollte niemand
in den Zelten hocken. Wir gingen hinaus. Trotz schlechten Wetters
feierten wir die ganze Nacht hindurch mit großer Begeisterung. Um
ein Newroz-Feuer entfachen zu können, warfen wir unsere alten Sachen
zusammen und zündeten sie an. Wir tanzten um das Feuer herum, einige
schossen in die Luft und ich versuchte, alles auf Bildern
festzuhalten. Als der zunehmende Sturm uns das Feiern draußen
unmöglich machte, begaben wir uns wieder in die Zelte und feierten
dort weiter. Wir sangen Lieder in verschiedenen Sprachen wie
arabisch und deutsch. Einige sangen regionale Lieder über den Krieg.
Ich fühlte, daß wir dem Sieg noch einen Schritt nähergekommen sind.
-Es
lebe unser Newroz-Märtyrer!
-Es
lebe unser moderner Kawa, Mazlum Dogan!
-Es
lebe unser Befreiungstag, das nationale Newroz-Fest!
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