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Nur mit einer neuen Persönlichkeit können wir siegen
Aus dem Tagebuch des Kämpfers Ayhan
Kaya, Teil VII
28. März 1993
Auch wenn der Frühling
kommt, überall die Blumen blühen, fehlt es im Zagros-Gebirge nicht
an Kälte und Schneestürmen. Vom Frühling spürt man hier nahezu
nichts. Am 22. März waren wir bereit, um nach Xankurke zu gehen.
Obwohl wir alles unter uns aufgeteilt hatten, war unsere Last kaum
zu tragen. Alle versuchten, ihre Füße warm zu halten. Manche zogen
zwei Socken übereinander an, manche umwickelten ihre Füße mit
Plastik. Denn der Weg war lang und die Kälte unbarmherzig. Wir
wollten nicht, daß unsere Füße durch den Schnee verbrannt werden.
Wir legten uns früher als sonst schlafen, denn um vier Uhr morgens
wollten wir uns auf den Weg machen. Vor lauter Freude konnten jedoch
viele nicht einschlafen. Und so empfingen einige den Morgen ganz
ohne Schlaf. Vor dem Abmarsch tranken wir ein letztes mal Tee und
Suppe.
Unter dem leuchtenden
Sternenhimmel stellten wir uns auf, nahmen Abschied von unserem
schneebedeckten Zelt, von Öfen und Rauch und machten uns auf den Weg.
Bei aufgehender Sonne passierten wir eine Schlucht. Durch den hohen
Schnee, der dort angeweht worden war, mußten wir uns wie Bulldozer
durchkämpfen.
Es war schön anzusehen,
wie die Freunde mit ihren Waffen und Rucksäcken auf die Gipfel
kletterten. Nur die Sonne machte uns zu schaffen. Nach einer kurzen
Pause ging es wieder weiter. Als wir den Hügel erklommen hatten, von
dem aus wir Xankurke erblicken konnten, vergaßen wir Müdigkeit und
Durst. So schnell wie möglich wollten wir Xankurke erreichen und
dort den Frühling erleben.
Auf der ganzen Strecke
hatten wir kein Wasser. Mittels Schnee versuchten wir unseren Durst
zu stillen. Einige Freunde machten Späße und sagten: "Bald haben wir
den ganzen Schnee in Zagros verspeist.” Unser Kommandant ermutigte
uns, und wir machten nun größere Schritte. So gelangten wir in die
Nähe des Camps, das den Namen Sehit Beritan trug. Durch einige
Schüsse meldeten wir unsere Ankunft. Dann rutschten wir einen Abhang
hinab. Einige konnten ihr Gleichgewicht nicht halten. Sie rollten
hinunter. Unten angekommen, waren wir alle gänzlich von Schnee
bedeckt. Freunde aus dem Camp kamen uns entgegen. Als erstes nahmen
sie einigen sehr erschöpften Freunden die Rucksäcke ab. Nahe dem
Camp drang das Geräusch fließenden Wassers an unsere Ohren. Ich lief
sofort in die entsprechende Richtung. Nach vier Monaten konnte ich
endlich wieder klares, fließendes Wasser sehen. Voller Sehnsucht
steckte ich meinen Kopf in die eiskalten Fluten und trank.
Bis zu diesem Zeitpunkt
waren wir genau zwölf Stunden auf dem Marsch.
Wir waren ziemlich
erschöpft. Unsere Augen schmerzten, als wir das Zelt betraten. Und
die Schmerzen wurden immer stärker. Tropfen, die uns der
Krankenpfleger gab, halfen nur wenig. Am nächsten Morgen konnten
viele ihre Augen nicht öffnen. Mein linkes Auge war ganz und das
rechte fast geschlossen. Hinzu kam die von der Sonne verbrannte Haut
unserer Gesichter und Lippen.
Einige unserer Freunde
haben durch Kältebrand ihre Füße verloren. Wir hätten beinahe unser
Augenlicht eingebüßt. Zum Glück gab es einen Arzt im Camp. Er
verband uns die Augen. Es war für uns eine ungewöhnliche Situation.
Wir wußten noch nicht einmal mit unseren Händen und Füßen etwas
anzufangen. Ich dachte daran, wie schwer es doch Blinde haben. Bis
wir wieder einigermaßen sehen konnten, wurden wir durch unsere
Freunde versorgt. Sie drehten uns Zigaretten, führten uns aus und
fütterten uns.
Mit der Zeit erholten
sich unsere Augen. Solange kein direktes Licht das Auge traf, hatten
wir keine Schmerzen und fühlten uns wohl. Als wir wieder klar sehen
konnten, setzten wir unsere Reise fort.
Wir waren alle
aufgeregt, denn unserer Einheit sollten neue Aufgaben übertragen
werden. Gleich beim ersten Appell wurde ich den Einheiten in
Xankurke zugeteilt.
Heute ist für uns ein
sehr wichtiger Tag. Genau vor sieben Jahren ist unser großer
Kommandant Mahsum Korkmaz, Agit, gefallen. Jeder Kurde, jeder
PKK-Kämpfer fühlt sich verpflichtet, heute an ihn zu denken. Mit
seinem Kampf, mit seiner Lebensweise und seinem Mut ist er uns heute
noch das Vorbild.
6. April 1993
Ein Guerilla kennt nur
ein Transportmittel: seine Beine. Deshalb muß er sich auf seine
Beine verlassen können. Wenn er an den Beinen verletzt wird, ist er
unbeweglich und somit nicht einsetzbar.
Als wir in Xankurke
ankamen, konnte man spürbar den Frühling einatmen. In Zagros
vermißten wir die Sonnenstrahlen, und hier gab es ihrer reichlich.
Ja, wir mußten uns schon Plätze im Schatten suchen.
Endlich hatten wir
wieder die Möglichkeit, uns und unsere Uniformen zu waschen. Vom
Schmutz gereinigt, fühlte ich mich erleichtert und wieder voller
Energie.
9. April 1993
Unsere Feinde hatten es
geschafft, die Persönlichkeit der Kurden total zu verändern; sie
schufen eine erniedrigte, gegenüber ihrer Kultur entfremdete,
ängstliche und versklavte Persönlichkeit. Diese Persönlichkeit
ermöglichte es den Feinden, ihre Ziele in Kurdistan mit Leichtigkeit
zu erreichen. Demgegenüber schuf die Parteiführung eine neue
revolutionäre Persönlichkeit. Diese neue Persönlichkeit ist
patriotisch, mutig, selbstbewußt, schöpferisch, ehrlich, tapfer,
stolz, standhaft und unbesiegbar.
Bevor ich die Partei
kennengelernt habe, besaß ich auch einige schlechte Eigenschaften.
Ich empfand keine Liebe mehr gegenüber meinem Volk. Ich reagierte
sehr negativ, als ich "Kurde” genannt wurde. Sertac und Cevahir,
zwei Genossen, haben sich sehr bemüht, mich auf den richtigen Weg zu
bringen. Als ich dann in Izmir leben mußte, merkte ich, wie sehr ich
mein Land vermisse. Erst ab diesem Zeitpunkt bemühte ich mich
ernsthaft darum, den richtigen Weg zu finden. Als ich und Ferhat
nach Kurdistan zurückkamen, gelobten wir uns gegenseitig, unser Land
bis zum Tod nie wieder zu verlassen.
Es ist nicht leicht,
sich selbst so zu erziehen, daß man eine Persönlichkeit entwickelt,
die von der Partei angestrebt wird. Wäre dies so leicht, hätten wir
die Revolution längst verwirklicht. Die Typen, welche der Feind
geschaffen hat, sorgen dafür, daß der Feind unser Land unter
Kontrolle hält. Die revolutionären Persönlichkeiten, ein Ergebnis
erfolgreicher Arbeit der Partei, verwirren den Feind durch ihre
Angriffe. Eine Revolution in Kurdistan ist dann möglich, wenn ein
neuer Mensch geschaffen ist. Das zu erreichen, ist unser wichtigstes
Ziel.
In unserem
Befreiungskampf gilt es viele Hindernisse und Schwierigkeiten zu
überwinden. Durch diesen Prozeß aber bekommt unser Leben einen Sinn.
Wir führen ein freies Leben. Unsere Beziehungen sind ehrlich. Jeder
von uns würde dem anderen bis in den Tod folgen. Jeder von uns ist
für die anderen ein Vater, eine Mutter oder ein Bruder. Unsere
Wünsche, Sehnsucht, Gefühle und Gedanken sind eins. Dadurch werden
unsere Bindungen immer stärker. Ja, unsere Schmerzen sind groß, aber
sie sind auch die Quellen unserer Kraft. Wir haben gar zu viele
Schwierigkeiten, aber wir überwinden sie alle.
Als wir uns im
Ausbildungscamp befanden, haben die türkischen Flugzeuge unser Camp,
unsere Berge bombardiert. Von uns wurde niemand verletzt. Aber die
Natur hatten sie zerstört. Daraufhin verließen uns die Vögel und wir
blieben alleine. Das vergrößerte meine Wut und verstärkte meinen
Haß. Was will der Feind von unseren Bergen, von den Blumen und
Vögeln? Ich habe immer das Gefühl, daß sich die Berge bei jedem
ordentlichen Schlag gegen den Feind freuen. Wer behauptet denn, daß
die Berge nicht reden können. Nach jeder Aktion bedanken sich die
Berge bei uns durch den Wind. Sie verleihen uns Kraft durch die
frische Luft, die Wasserquellen ...
All unsere Berge, die
Natur werden wir gegen den grausamen Feind verteidigen. Um das zu
erreichen, werden wir den Feind aus diesem Land hinauswerfen.
15. April 1993
In den Pausen, die uns
der Kampf läßt, bilden wir uns weiter und bereiten uns auf die
Zukunft vor. Wir geben uns Mühe, damit wir zeitgemäß bleiben. Die
Partei achtet sehr darauf, daß wir über aktuelle Entwicklungen
unterrichtet sind.
Allmählich wird es
sicher, wer von uns wohin geht. Wenn keine großen Änderungen
auftreten, werde ich in der Region Behdinan aktiv sein. Unser
Hauptziel im Süden ist es, uns auf den Krieg vorzubereiten sowie das
Volk in diesem Gebiet für uns zu gewinnen. Erst wenn wir mit der
Planung fertig sind, wollen wir nach Behdinan gehen. Einerseits
bereite ich mich körperlich und geistig auf meine Aufgabe vor,
andererseits versuche ich - soweit es möglich ist - die Natur von
Xankurke zu genießen. Da seit längerer Zeit keine feindlichen
Flugzeuge mehr dieses Gebiet bombardiert haben, kehren allmählich
die Vögel mit ihrem schönen Gesang zurück. Früher war mir nicht
bewußt, wie wundervoll die Natur in Kurdistan ist. Heute bin ich ein
Teil von ihr.
Mein erster großer
Fußmarsch bestand in der Überquerung des Zagros-Gebirges. Ziel war
es damals, das Ausbildungscamp zu erreichen. Es bereitete mir
Schwierigkeiten, mit den Freunden mitzuhalten. Der Weg wurde immer
länger und die Steigungen immer steiler. Inzwischen habe ich mich an
Fußmärsche so gewöhnt, daß ich sie sogar genieße.
3. Mai 1993
Die Tage vergehen wie
im Fluge. Den ersten Mai haben wir großartig mit Freude gefeiert.
Der erste Mai ist für uns besonders wichtig. Den Kampf der Arbeiter
führen wir auf unseren Bergspitzen, mit unseren Kalaschnikows und
Arbeitermärschen.
Die Partei hat einen
einseitigen Waffenstillstand ausgerufen. Das brachte den Feind in
eine schwierige Lage. Denn der Feind behauptet immer, wir wären
Terroristen und wir würden keine andere Lösung kennen als
Waffengewalt. Nun wußte er nicht, was er tun und sagen sollte. Denn
wir schossen nicht mehr zurück. Jetzt war klar zu sehen, wer
unbedingt Krieg führen wollte. Daß unser Volk sich am (Neujahrstag)
Newroz an den Waffenstillstand hielt, zeigt, wie sehr es sich mit
der Partei vereinigt hat.
In der
Waffenstillstandsphase haben wir unsere Organisierung verbessert. Im
ganzen Land bezog jede Einheit ihren Platz und wartete auf das
Ergebnis des Waffenstillstandes. Sollten wir noch einmal kämpfen
müssen, könnten wir sehr stark zuschlagen. Denn wir besaßen alles,
was für einen großen Kampf nötig war.
In dieser Phase konnten
wir uns vervollkommnen. Wir machten uns gegenseitig auf unsere
Fehler aufmerksam, und so bauten wir uns auf. Je mehr wir uns von
unseren Fehlern befreien können, desto sicherer wird unser Sieg.
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