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Aus dem Tagebuch des Kämpfers Ayhan Kaya, Teil VIII

In Kurdistan kämpfen heißt leben

Aus dem Tagebuch des Kämpfers Ayhan Kaya, Teil VIII

16. Mai 1993:

Ein jedes Mal, wenn ich durch das Tal der Freiheit zum Einsatz gehe, merke ich, daß täglich meine Liebe zu Kurdistan, dem Land der Märtyrer, wächst. Mit welchen Worten kann die Schönheit unseres Landes beschrieben werden? Wenn Regen fällt, ist die ganze Natur von einem Duft erfüllt. Dieser Duft ist nicht mit künstlich hergestellten Parfüms zu vergleichen. Dieser Duft wirkt auf uns wunderlich: wir saugen ihn auf und kein Weg ist für uns zu weit und kein Last zu schwer.

Die Natur beschenkt uns mit ihrem Reichtum an Pflanzen. In diesen Monaten brauchen wir keinen anderen Proviant. Es ist eins unserer Ziele, daß unser Volk die Freude an der Natur mit uns teilt.

25. Mai 1993:

Die Angriffe des Feindes werden immer massiver. Obwohl wir einen einseitigen Waffenstillstand erklärt haben, waren die Feinde nicht bereit, auf diesen Schritt positiv zu reagieren. Wenn sie weiter derart angreifen, werden wir gezwungen sein, von unserem Selbstverteidigungsrecht Gebrauch zu machen.

In unserem Einsatzgebiet haben wir nahezu alle Vorbereitungen für den Krieg getroffen. An wichtigen Punkten haben wir unsere Stellungen ausgebaut. Diese sind sowohl mit Kampfmitteln als auch mit Proviant gut ausgestattet. Tag und Nacht sind wir in Bewegung. Wir werden dem Feind zeigen, was ein richtiger Guerillakampf ist.

All unsere Streitkräfte warten auf den Befehl der Parteiführung. Noch nie waren wir so gut vorbereitet. Durch den einseitigen Waffenstillstand haben wir unser Ziel erreicht. Wir haben vor der Weltöffentlichkeit kundgetan, wer den Frieden will und wer nicht. Dadurch verbesserte sich unsere politische Lage. Militärisch haben wir uns auch verstärkt. Der Sieg ist wieder mal für dieses Jahr gesichert.

6. Juni 1993: Der Juni ist für mich ein Monat mit besonderer Bedeutung. Am 2. Juni habe ich Geburtstag, und genau vor einem Jahr bin ich der Partei beigetreten. Vor einem Jahr befand ich mich in der Stadt Mardin bei Patrioten. Heute weiß ich, daß sich mittlerweile viele von ihnen der Partei angeschlossen haben.

An unserem Lagerplatz ist alles schön und gut bis auf diese Mücken! Sie hindern uns überall daran, angenehme Pausen einzulegen und können einen verrückt machen. Weder durch den Rauch von Zigaretten noch durch den eines offenen Feuers lassen sie sich fernhalten.

Bei schönem Wetter nutzen wir öfters die Gelegenheit zu einem Bade. Nichts vermag den Genuß eines Bades nach den längeren Märschen zu ersetzen.

Der Feind dehnt seine Operationen allmählich auch in unser Gebiet aus. Unsere Freunde stoßen ab und zu auf ihn, was unsere Kampfmoral erhöht.

7. Juni 1993: Ab 9. Juni hat unsere Parteiführung den einseitigen Waffenstillstand für beendet erklärt. Meiner Meinung nach wurde es Zeit dafür. Überall haben die Guerillakräfte mit Angriffen auf die Soldaten der türkischen Republik begonnen. Der einseitige Waffenstillstand hat zu unserer politischen Stärkung beigetragen. Nun werden wir unsere militärische Macht unter Beweis stellen. Es ist sicher, daß der Sieg in Kurdistan unser ist.

Wie schön es doch ist, für unsere Freiheit zu kämpfen. Wie unser Vorsitzender Apo sagt: "In Kurdistan zu kämpfen heißt leben." Unser Leben, unsere Freiheit, unsere Ehre liegen in unseren Gewehrläufen. Unsere heutige Stärke ist begründet durch die Erfolge des bewaffneten Kampfes. Mittels des bewaffneten Kampfes werden wir die Ketten der Sklaverei zerbrechen. Wir werden die Jahrhunderte währende Sklaverei rächen.

Unserem Gebiet kommt zwischen Nord- und Südkurdistan eine Brückenrolle zu. Zur Zeit herrscht hier noch Ruhe, allerdings sind wir jederzeit kampfbereit. Obwohl ich weiß, daß jede Aufgabe in der Partei heilig ist, möchte ich am liebsten in den Kampf ziehen.

Auf der letzten Regionalkonferenz ist beschlossen worden, daß in jeder Region alle 45 Tage einmal eine Versammlung abgehalten werden soll. Wir haben gemäß diesem Beschluß unsere Versammlung durchgeführt. Wir haben diskutiert, inwieweit wir unsere Vorhaben verwirklichen konnten. Aus unseren Selbstkritiken haben wir viel gelernt. Denn es ist uns allen bewußt, daß wir nur erfolgreich sein können, wenn wir unsere Fehler wahrnehmen und bewußt anpacken.

29. Juli 1993: Nachdem wir den Bericht über unsere Versammlung abgefaßt hatten, mußte er von unserer Gruppe nach Sehidan weitergeleitet, sprich, gebracht werden. In der Nacht haben wir uns auf den Marsch vorbereitet. Noch vor Sonnenaufgang haben wir gefrühstückt und uns dann auf den Weg gemacht.

Unser Weg führte uns in das Tal Gadore. Dort lag vor uns ein kleiner Fluß, den wir überqueren mußten. Auch wenn die Flüsse in Kurdistan ruhig aussehen, sind sie schwer zu überwinden. Ferik war der Erste, der versuchte, das andere Ufer zu erreichen. Er schaffte es nicht und kam zurück. In der Hoffnung, daß ich es schaffen und so den anderen Mut machen würde, habe ich den Weg ins Wasser genommen. Meine Schuhe und Socken hatte ich zuvor ausgezogen. Langsam ging ich ins Wasser hinein. Die Steine auf dem Grund des Flusses waren scharfkantig und verletzten mich an den Füßen. Mit jedem Schritt vorwärts spürte ich, wie die Stärke der Strömung anwuchs.

Ich war schon fast bis zur Mitte gekommen, als ich meine Erschöpftheit bemerkte. Hinzu kam, daß die Strömung hier besonders stark war. Einen Augenblick lang habe ich das Wasser angesehen. Mir wurde schwindlig. Ich verlor mein Gleichgewicht und fiel ins Wasser. Aber ich konnte nicht schwimmen! Doch es hätte mir in so einem reißenden Strom auch nichts genützt, schwimmen zu können. Ich fühlte mich machtlos. In diesem Moment streckte ein Freund aus meiner Einheit seine Waffe zu mir herüber. Ich ergriff das Ende, hielt mich daran fest und kam aus den reißenden Wassern heraus.

Als ich ins Wasser fiel, hatte ich meine Schuhe verloren. Ich war total naß und fror. Doch als erstes habe ich meine Notizen kontrolliert. Glücklicherweise waren sie gut verpackt und trocken. Mein linker Fuß blutete. Die Freunde machten Feuer und kochten Tee für mich.

Wir mußten weiter, aber wie sollte ich ohne Schuhe weitermarschieren? Nicht allzuweit entfernt entdeckten wir eine kleine Gruppe von Menschen. Es waren Kurden aus Iran. Zwei Freunde begaben sich zu ihnen und kamen sogleich mit einem Paar alter Plastikschuhe zurück. Diese waren mir zu klein. Gerade einmal meine Zehen paßten da hinein. Damit sollte ich bis zu unserem Camp in Zagros marschieren! Den Fluß überquerten wir an einer anderen Stelle mit großer Vorsicht.

Die ganze Wegstrecke war voller Stacheln. Der Fußmarsch bereitete mir große Schmerzen. Einerseits spürte ich die Wunden an meinem Fuß, andererseits beeinträchtigten mich die Stacheln beim Gehen. Doch schließlich erreichten wir mit großer Mühsal unser Ziel. Dort haben wir übernachtet und ich erhielt neue Schuhe.

Am nächsten Tag wollten wir uns wieder auf den Rückweg begeben. Allerdings trafen frühmorgens neue Waffen ein, die auf dem schnellsten Wege nach Zerzan gebracht werden sollten. Die Verantwortlichen sprachen mit mir und gaben uns den Auftrag, die Waffen zum Zielpunkt zu bringen. Es waren nicht gerade wenig Waffen: Raketenwerfer, Granaten, BKC-Maschinengewehre, Kalaschnikov-Sturmgewehre und Munition. Ferner ein 57 mm-Granatwerfer. Die Waffen haben wir auf Maultieren befestigt. Ein Freund, der mit diesen Tieren umgehen konnte, begleitete uns.

Mit großer Vorsicht und ohne Zwischenfälle brachten wir die Waffen ans Ziel. Hier haben wir zwölf Neuankömmlinge getroffen. Ein Milizionär ist vom Feind enttarnt worden und kam mit seiner ganzen Familie. Er hat vier kleine Kinder. Wir hatten seit langem keine Kinder mehr gesehen. Mit großer Freude spielten wir mit ihnen.

Mich quälten schon mehrere Tage lang Zahnschmerzen. Ein Zahn mußte heraus. Und hier gab es gerade einen Arzt: Doktor Dijwar, der von allen "Schlachter Dijwar" genannt wurde. Er betäubte meinen Kiefer mit zwei Spritzen und zog den Zahn heraus. Durch die Betäubung spürte ich nichts. Aber als die Wirkung der Spritzen nachließ, tat es schrecklich weh. Nun wußte ich, warum man unseren Doktor "Schlachter" nannte.

Zwei Tag später brachen wir zusammen mit den neuen Kämpfern in Richtung Xankurke auf. Unsere ganzer Marsch verlief angenehm, nur am letzten Rastplatz kam es zu einer kleinen Panne. Als wir Tee tranken, flog plötzlich ein Kugel durch meine Haare. Mazlum, einer der Neuen, hatte mit seiner Waffe gespielt und diese aus Versehen abgefeuert. Dies war jedoch unser Fehler. Es war unsere Aufgabe aufpassen, daß die Neuen nicht mit den Waffen spielen.

9. Juli 1993: Am Dritten dieses Monats führten wir eine Operation durch. Unser Ziel waren die feindlichen Kräfte auf den Gelisim-Höhen. Das Ziel war mittelgroß. Unsere Aufgabe war es, die vorderen Schützengräben zu vernichten und die anderen Stellen unter Beschuß zu nehmen. Die Operation wurde geplant und von jedem akzeptiert. Der Angriff sollte um 10.30 Uhr beginnen und 11.30 Uhr beendet sein.

Das war mein erster bewaffneter Kampf gegen die Kräfte der türkischen Republik. Aus diesem Grunde war ich sehr aufgeregt. Gegen Abend haben wir uns auf den Weg gemacht. In der Nacht erreichten wir unser Ziel. Ungeduldig warteten wir bis 10.30 Uhr. Aber den Befehl zum Angriff erhielten wir nicht. Schließlich, um 11.30 Uhr, hörten wir die ersten Schüsse. Alle Gruppen nahmen die ihnen zugewiesenen Ziele unter Beschuß. Der Feind schoß zurück. Die ganze Schießerei dauerte circa fünfzehn Minuten. Dann kam der Befehl zum Rückzug. Der Feind schoß blind mit Granaten. Unser Rückzug dauerte bis zum nächsten Morgen. Nach einer Ruhepause diskutierten wir über unsere Operation.

Der Angriff hatte sich aus dem Grund verspätet, weil die ersten Ziele, die Schützengräben, nicht besetzt waren. Einige von uns hatten dort leere Magazine und Ferngläser liegengelassen. Zur Strafe durften diese Freunde eine Weile nicht kämpfen.

Diese Aktion war nicht so verlaufen, wie ich erwartet hatte. Sie brachte mir aber zu Bewußtsein, daß ich mich nun im Krieg befinde.

Nach dieser Operation wurden unsere Einheiten neu geordnet. Ich wurde Führer einer beweglichen Gruppe. Ich habe mir versprochen, daß ich mein Bestes geben werde, das heißt, daß ich mich weiterbilde und Erfahrungen sammle. Daß einige erfahrene Kämpfer unter uns sind, macht mir Mut. Ich werde von ihnen sicherlich vieles lernen.

Endlich konnte ich meinen Wunsch erfüllen. Bei jedem Schlag gegen den Feind wollte ich schreien: "Das ist für unser geraubtes Land, für unsere geraubte Identität, für unsere verbotene Kultur und Sprache, für meine Freunde Cevahir und Sertac!" Meine Gefühle kann ich schlecht beschreiben. Nur eins weiß ich: ich bin voller Wut.

Einen Tag nach der Neuordnung marschierten wir in Richtung der Goste-Berge. An einem bestimmten Treffpunkt erwarteten wir einen Freund und neue Waffen.

Wir schliefen alle. Einige Kämpferinnen hatten Wachdienst. Gegen acht Uhr weckten sie uns. Sie berichteten, auf einigen Hügeln würde der Feind Stellung beziehen. Wir wollten uns nicht in einen Kampf verwickeln lassen, denn der Feind hatte die bessere Stellung und zudem war es hell. Aus dem Tal stiegen wir auf einen Hügel. Bei dieser Hitze zu klettern, war nicht gerade angenehm.

Erst gegen Abend erreichten wir eine geeignete Stelle zum Rasten. Alle waren wir sehr durstig und hungrig. Wir hatten nur noch trockenes Brot und Tee bei uns. Doch es genügte, um uns neue Kräfte zu verleihen.

Gegen drei Uhr morgens begaben wir uns dann wieder zum Treffpunkt. Der Feind hatte seine Stellung gewechselt und war für uns keine Gefahr mehr. Am Treffpunkt warteten schon unsere Freunde. Sie waren sehr müde. Wir kletterten nun auf den Berg, den der Feind einen Tag zuvor besetzt hatte. Es war eine strategisch wichtige Höhe. Man konnte von hier aus das ganze Gebiet überblicken.

Gegen Abend machten wir uns auf den Weg in das Tal. Der Hang war sehr steil und rutschig. Einige Freunde rutschten auch aus und fielen einige Meter tief. Als die Freunde ausrutschten, die Töpfe und ähnliches dabei hatten, hörte man das Geklapper im ganzen Tal. Mehrmals kamen wir an einigen sehr gefährlichen Stellen vorüber. Dort auszurutschen, bedeutete den sicheren Tod. Deshalb krochen wir dort am Boden. Dreieinhalb Stunden dauerte der Weg in das Tal. Langsam bewegten wir uns auf ein Dorf zu. Dort brannte in allen Häusern noch Licht.

Gegen 24 Uhr langten wir im Dorf an. Hier hatten wir viele Freunde. Während einige von uns Wache hielten, gingen andere in die Häuser. Hier bewirtete man uns mit Speisen. Der Hausherr erzählte uns, wieviel Vertrauen er in den Guerillakampf hat und machte uns Mut. Mit Joghurt und Marmelade haben wir uns hier gesättigt. So ist das Guerillaleben: manchmal müssen wir mit trockenem Brot auskommen, manchmal serviert man uns Leckereien.

Ein paar Jugendliche haben für uns Proviant besorgt. Das Interesse und die Anteilnahme dieser Dorfbewohner erfreut mich besonders, denn früher besaßen wir in diesem Dorf keine Freunde. Und nun stehen sie alle auf unserer Seite. Als ich später einigen Freunde berichtete, die früher in diesem Dorf waren, wie herzlich wir hier aufgenommen worden sind, konnten es viele nicht glauben. Doch ich war Zeuge, wie sich die Menschen positiv verändern können. Die Freude darüber ließ mich die darauf folgende Nacht kaum schlafen.

           


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