Ruhelose Tage
Aus dem Tagebuch des Kämpfers Ayhan Kaya, Teil IX
10. Juli 1993
Wir besuchen weiterhin
die Dörfer. Heute halten wir uns im einladenden Sewati auf. Die
Miliz dieses Dorfes ließ uns eine Nachricht zukommen, in der es hieß,
daß sich einige junge Menschen uns anschließen möchten. Meine Gruppe
wartete außerhalb des Dorfes als Sicherungseinheit. Nach nur kurzer
Zeit kamen unsere Freunde mit drei neuen Kämpfern und einer
Kämpferin zurück. Wir nahmen sie herzlich auf.
Plötzlich tauchten
Angehörige der neuen Kämpfer auf. Sie wollten die Neulinge zur
Rückkehr überreden. Besonders der ältere Bruder von Rejiyar war sehr
hartnäckig. Rejiyar erklärte, daß er sich wegen seiner Ehre und für
sein Land der Guerilla anschließe. Als sein Bruder einsah, daß er
nicht zu überreden war, gab er ihm etwas Geld und verabschiedete
sich mit den Worten: "Wenn du so entschlossen bist, gehe in Frieden.
Mache uns keine Schande. Ihr seid alle meine Brüder, paßt auf euch
auf."
Als wir uns auf den Weg
machten, kam ein Dorfbewohner auf uns zu und sprach zu unserem
Gruppenführer: "Man kann nicht alles auf einmal haben. Denkt daran,
daß Apo am Anfang alleine war. Und heute folgen ihm Millionen von
Menschen. Nun haben von unserem Dorf diese vier jungen Menschen den
Anfang gemacht. Es werden bestimmt noch andere folgen. Bald wird
sich das ganze Dorf euch angeschlossen haben."
Ein unbeschreibliches
Glücksgefühl erfüllt mich, denn bis jetzt war ich noch nie dabei,
als sich uns neue Kämpferkandidaten angeschlossen haben. (...)
14. Juli 1993
Heute ist der Tag, an
dem vor 11 Jahren der große Hungerstreik in Diyarbakir anfing. Heute
schlossen sich M. Hayri Durmus, Kemal Pir, Akif Yilmaz und Ali Cicek
dem Hungerstreik von Mazlum Dogan an. Dieser Tag wurde von der
Partei als nationaler Ehrentag bestimmt.
An diesem Tag brachten
sie der türkischen Republik eine sehr wichtige Niederlage bei. Wir
fühlen uns verpflichtet, ihren Spuren zu folgen. (...) Dieser Tag
ist ein Symbol für Brüderlichkeit, Frieden, Internationalismus und
Freiheit. (...)
Heute nacht scheinen
uns die Sterne zum Greifen nah. Tise - am Rand des Berges gelegen -
ist ein schönes Dorf, aber es macht einen traurigen Eindruck, denn
die feindlichen Stellungen auf den Hügeln beschatten das Dorf. Um
jeden Preis muß der Feind aus ihnen vertrieben werden.
Ich wurde immer
ungeduldiger. Stundenlang beobachteten wir schon diese Stellungen.
Jede Sekunde könnten wir angreifen. Es wurde Mitternacht. Alles lag
sehr ruhig vor uns. Wir hatten das Nachrichtensystem des Feindes
angezapft und hörten alles mit, was sie sprachen. Die waren sehr
gelassen, denn sie dachten, daß heute nacht nichts mehr passieren
würde. Sie irrten sich.
Genau um halb eins
feuerten sie zwei Leuchtkugeln ab. Nachdem diese erloschen waren,
feuerten die Freunde mit B-7 Maschinengewehren und das Gefecht ging
los. Der Feind war völlig irritiert und forderte Hilfe an. Aber von
der feindlichen Zentrale wurde ihnen mitgeteilt, daß sie diese Nacht
keine Verstärkung mehr erreichen könne.
Überall hörten wir
Schüsse und Granaten. Durch die häufigen Explosionen von
Handgranaten war festzustellen, daß unsere Freunde in die
feindlichen Stellungen eingedrungen waren. Nur meine Gruppe, die den
Rückzug sichern sollte, konnte sich an dem Kampf nicht beteiligen.
Nach zwanzig Minuten zogen sich die Freunde zurück. Aus den höher
liegenden feindlichen Stellungen wurde noch auf uns geschossen.
Demnach war nicht alles vernichtet. Bis zum frühen Morgen feuerten
sie mit Kanonen. Wir antworteten mit Granatwerfern. (...) Mit den
ersten Lichtstrahlen der Morgendämmerung kamen die feindlichen
Kampfhubschrauber und warfen mal hier, mal da Bomben ab. Dann flogen
sie zurück.
Endlich kam ein Freund
von der Angriffsgruppe zurück. Man konnte ihm ansehen, wie müde er
war. Sein Uniform war blutig. Tausende von Fragen gingen uns durch
den Kopf, als wir ihn ansahen. Es war sicher, daß einige von uns
verletzt waren. Ich begab mich sofort zu ihnen und fragte sie nach
ihrem Zustand. "Gleich zu Beginn wurde Ihsan verletzt", erzählten
sie, "und als wir in die Stellungen eindrangen, wurde Welat am Arm
getroffen. Agit haben wir verloren. Nach dem Kampf zogen wir uns mit
den Verletzten in die erste Auffangstellung zurück. Gegen sechs Uhr
morgens lebte Ihsan nicht mehr." (...) Nach kurzer Zeit kam Behzat,
auch er war am Arm verletzt. Wir schickten ihn mit unserem Mediziner
zu den anderen Verletzten.
Die Freunde hatten
viele feindliche Waffen vernichtet. Gemäß dem ursprünglichen Plan
sollten diese Waffen mitgenommen werden. Da es jedoch einige
Verletzte gab, die getragen werden mußten, vernichteten sie die
Beutewaffen. Gegen Abend kamen zwei Freunde von den Verletzten
zurück und berichteten, daß Welat aufgrund des hohen Blutverlustes
gestorben war. Ihsan und Welat wurden nebeneinander begraben.
Der Feind hatte hohe
Verluste erlitten, denn zwei Hubschrauber kamen zweimal, um die
Toten abzutransportieren. Das wurde uns auch von einem Dorfbewohner
bestätigt, der gegen Mittag zu uns kam.
Vor Einbruch der
Dunkelheit waren wir alle zusammengekommen. Es stand die Bewertung
der ganzen Aktion an. Wir sprachen über unsere Erfahrungen und
Fehler und stellten fest, daß wir aufgrund dieser Fehler zwei
Freunde verloren hatten. Ihsan ist durch unsere Schüsse verletzt
worden. Und Agit wurde von Splittern seiner eigenen Handgranate
getroffen. Abgesehen von unseren Verlusten waren wir erfolgreich
gewesen. Wir müssen aus unseren Fehlern lernen.
30. Juli 1993
(...) Agit, der nach
dem Angriff vermißt wurde, war auch gefallen. Als Ihsan verletzt
wurde, kümmerte sich die Gruppe um ihn. Agit verließ jedoch die
Gruppe und griff den Feind mit an. Nachdem er zwei feindliche
Stellungen alleine vernichtet hatte, stürmte er zur dritten. Dort
wurde er an Kopf und Bein getroffen. Er war sehr mutig und ein sehr
guter Gruppenführer. Allerdings mochte er zuweilen alleine etwas
unternehmen. Seine Leiche zeigte der Feind den Dorfbewohnern. Alle
im Dorf kannten ihn. (...)
Im Kampf erlebt man
vieles. Man hat immer wieder Feindberührung. Manchmal werden wir in
Hinterhalte gelockt, manchmal schlagen wir zu. Eines ist sicher:
Krieg lernt man im Krieg. Man lernt seine Stärken und Schwächen
kennen.
(...) In diesen Tagen
hat der Feind viele schlaflose Nächte. Überall sieht man Soldaten,
denn der 15. August ist nah. Wir befinden uns auf dem Marsch in
Richtung Xumaro in Zerzan. Von hier hat sich der Feind nahezu ganz
zurückgezogen und wir haben die Kontrolle übernommen. Auf einigen
Hügel befinden sich noch einige feindliche Stellungen. Der Sturm auf
diese wäre für uns sehr riskant. Andererseits gefährden sie uns von
diesen Hügeln aus nicht. Sie können diese Hügel nicht verlassen und
werden durch Hubschrauber mit Waffen und Proviant versorgt. (...)
Wir bewegen uns in
Gruppen und in der Nacht. Die Tage dienen der Erholung. Sie sind
auch heiß, sehr kalt dagegen die Nächte. Mit unseren Regenponchos
versuchen wir uns in der Nacht vor der Kälte, am Tag vor der Hitze
zu schützen.
Gestern erhielten wir
von der Zentrale neue Anweisungen, die wir dann besprachen. Es geht
um die Intensivierung des Krieges. (...)
1. August 1993
Wie schnell die Tage
vergehen. Nun sind wir im Monat des Aufstandes, im August. Der Krieg
ist in diesem Monat besonders intensiv. Eine jede unserer Aktionen
muß in diesem Monat erfolgreich sein.
Von Xumaro geht es zu
unserem eigentlichen Einsatzgebiet: Herki. Auf dem Weg wollen wir
den feindlichen Einheiten in Düre und einem Banditendorf namens
Gulanka einen "Besuch" abstatten. Das Dorf und die Einheit liegen
nicht so weit voneinander entfernt. (...) Unser heutiges Marschziel
ist der Berg Begoz. Unterwegs hat es kurz geregnet und die Erde
duftete.
Jeder Berg, jeder Stein,
jedes Dorf in Kurdistan besitzt seine eigenen Schönheiten. Wie läßt
sich die Schönheit dieses Landes mit Worten, mit Gedichten, Bildern
oder Büchern beschreiben? Kurdistan ähnelt dem Paradies, das der
Feind zur Hölle gemacht hat. Er foltert unsere Menschen, vertreibt
die Dorfbewohner, verbrennt die Wälder, bombardiert unsere Berge.
Aber egal was er unternimmt, unser Land werden wir doch eines Tages
befreien. Ruhe und Frieden wird in unserem Land wieder einkehren.
Unser Volk wird hier große Dienste für die Menschheit leisten und
sein Land nie wieder besetzen lassen.
Die Berge Begoz und
Cercelan ähneln zwei Verliebten. An den Ausläufern stehen dichte
Wälder, während sich in den höheren Regionen nur wenige Bäume
befinden. Es sieht aus, als würde hier der Frühling neu beginnen.
Oben auf dem Gipfel ist es sehr kalt, wobei uns die Felsen als Kälte-
und Windschutz dienen. Auf dem Gipfel des Begoz liegt noch Schnee,
das herabströmende Wasser ist eisig. Es ist sicher, daß wir diesen
Berg öfters besteigen werden, denn wir sind für dieses Gebiet
verantwortlich. Früher verbrachten viele DorfbewohnerInnen den
Sommer auf den Hochweiden dieses Berges, heute trauen sie sich nicht
mehr. Denn unten haben sich einige Dörfer gegen uns bewaffnet. Wir
und die Berge können ihnen ihren Verrat nicht vergeben. (...)
9. August 1993
Ständig sind wir in
Bewegung. Jeden Tag sind wir woanders. Die Nächte marschieren wir
durch. Die Ruhe der Nacht wird einzig durch Freunde gestört, die
ausrutschen. Wer von uns öfters hingefallen ist, können wir erst bei
Tageslicht an der zerrissenen Uniform sehen.
Die letzten von uns
besuchten Dörfer sind alle vom Feind bewaffnet worden. Deshalb
hatten sie vor uns Angst, und sie versprachen alle, ihre Waffen
niederzulegen. Aus einem Dorf nahmen wir vier Männer mit. Wir werden
sie freilassen, wenn sie ihr Versprechen halten. Eigentlich setzen
diese Dörfer ihre Waffen gegen uns nicht ein. Sie haben sie sogar
begraben. Wir haben aber dennoch deutlich gemacht, daß sie
irgendwann vom Feind gezwungen würden, gegen uns zu kämpfen, auch
wenn sie das nicht wollen. Falls sie ihr Versprechen halten, wird
auch dieses Gebiet unter unserer Kontrolle sein.
Der Berg Carcela wirkt
majestätisch. Ich wollte immer diesen Berg bezwingen. Nun steigen
wir hinauf, wobei wir darauf achten, uns nicht zu verlaufen - was
hier sehr leicht geschehen kann. In den oberen Regionen liegt noch
viel Schnee. Beim Aufstieg fängt es an zu regnen. Nachts zittern wir
vor Kälte. Es gibt hier keine Möglichkeiten, sich vor der Kälte zu
schützen. Im letzten Winter sind hier sieben Genossen erfroren. Vor
uns hatte eine Gruppe die Leichen entdeckt und alle nebeneinander
begraben.
Nach eintägigem
Aufenthalt stiegen wir wieder hinab. Der Abstieg war nicht unbedingt
leichter als der Aufstieg. Ein Viertelsekunde Unkonzentriertheit
genügt, um auszurutschen. Da der Boden auf diesem Berg besonders
hart ist, tut es schrecklich weh. (...)
Der Feind erhält
täglich Verstärkung. Sie wollen dieses Gebiet einfach nicht aufgeben,
obwohl unter ihnen große Angst herrscht. Mit jedem weiteren Toten
werden sie ängstlicher.
Mal sehen, was ich
alles noch erleben, wo ich noch hingehen werde. Ich fühle mich
geehrt, daß ich für mein Land kämpfen darf.
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