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Aus dem Tagebuch von Gurbetelli Ersöz, Teil I

Der Kampf ist kein Leben im Rosengarten,

sondern ein Leben in Blut und Blei

Aus dem Tagebuch von Gurbetelli Ersöz, Teil I

20. Februar 1996/Zap

Der Unterricht über Strategie und Taktik sowie über die Armeeorganisation geht weiter. Rund 500 Guerillakämpferinnen und –kämpfer befinden sich seit zwei Monaten in einer intensiven Ausbildungsphase. Zweihundert von ihnen sind Frauen. Es sind hauptsächlich KämpferInnen, doch befinden sich auch einige Kommandanten und Kommandantinnen darunter.

Es herrscht ständig Bewegung, das Tempo ist sehr hoch. Viele FreundInnen tun sich schwer damit. Auch ich muß mich sehr anstrengen. Was auch passiert, ich muß mich diesem Tempo anpassen.
Weil viele FreundInnen sich schwer tun, geben sie auch leichter auf. Es ist schwer, sie zu motivieren, ihre Moral zu stärken und sie dazu zu bringen, intensiver teilzunehmen. Wenn sie nicht überzeugt sind, kann das sogar zum persönlichen Haß führen.

Ohne Schwierigkeiten und Risiko gibt es keinen Kampf, heißt es. Wer glaubt, ohne etwas zu riskieren und ohne sich in Gefahr zu begeben, kämpfen zu können, der belügt sich selbst. Doch auch wenn es in der Natur des Krieges liegt, daß man von Sekunde zu Sekunde in Gefahr lebt, halte ich es doch für falsch, daß blinder Mut und feudales Heldentum zur Theorie unseres Kampfes geworden sind. Und dies, obwohl doch klar ist, daß derjenige, der keine Angst hat, auch keine Vorsicht walten läßt. Unachtsamkeit kann schnell zur Vernichtung führen.  Einem ‘Feigling’ die Angst zum Vorwurf zu machen, ist unsinnig. Er wird völlig verunsichert und wird depressiv. Man begegnet dem Gefühl, Angst zu haben, verkehrt. Daher ist es auch billig geworden, ‘gefallen zu sein’. Man geht für den Tod in den Kampf, geht zu den Aktionen, um zu fallen, und nicht, um zu siegen und zu leben!
Viele – ich eingeschlossen – sind unter dem Einfluß eines Gefallenen in die Partei eingetreten. Meine Probleme und Schwierigkeiten, die Partei zu verstehen und eine richtige Kämpferin zu werden, bringe ich zur Zeit damit in Verbindung, ohne die Gesetze des Kampfes zu kennen in diesen Kampf  eingetreten zu sein.

Der Kampf ist kein Leben im Rosengarten, es ist ein Leben in Blut und Blei.
Ich bin überzeugt davon, daß über Angst, Mut, Wut, Haß, Liebe und viele andere Gefühle von Anfang an diskutiert wurde und wird.

Was bedeutet zum Beispiel die Liebe im Kampf? Im Kampf sollte man die Liebe seinen Weggefährtinnen und Weggefährten gegenüber zum Ausdruck bringen. Da es diesbezüglich kein Rezept gibt, ist es schwer die Grenzen zu ziehen.

22. Februar 96

Der Unterricht über Krieg und Armee wird fortgesetzt. Ich konnte nicht daran teilnehmen, da ich wachhabende Offizierin war. Unsere Schule wurde wieder verlegt. Wir befinden uns jetzt auf einem Hang, von dem aus wir zum ‘Frühlingshügel’ blicken können. Hinter uns liegt ein kleiner bewaldeter Einschnitt im Berg.

Die Sonne geht am schönsten über den Schneeglöckchen und den gelben Blumen, deren Name ich nicht kenne,auf. Auf diesem grünen Teppich erblüht von Augenblick zu Augenblick aufs Neue das Leben. Während die trockenen Blätter der Eichen auf der Erde liegen, beginnen die Bäume zu knospen. Ich blicke auf den gegenüberliegenden Frühlingshügel. In unserer Höhe liegt kein Schnee am Hang. Langsam blicke ich empor. Mit zunehmender Höhe ist er mehr und mehr mit Schnee bedeckt.
Der Unterrichtsplatz wirkt wie ein natürliches Theater mit einer breiten Bühne. Unterhalb des Platzes sind die Berghänge leicht gerundet. Sie erinnern mich an das antike Ephesos: an das dortige Theater ebenso, wie an den Klang der Töne an diesem Ort. Die Parole – Es lebe Apo– klingt in meinem Ohr. Die drei roten Fahnen, die sich jeden Tag unter dem Arm von Serhat befinden, sind heute hier gehißt. Die Unterrichtsbänke sind aufgestellt. Der Hang, auf dem wir uns befinden, liegt nach Süden und er weckt, während ich den Schnee des Frühlingshügels betrachte, in mir Erinnerungen an den Berg Ko Spi. ‘Weißer Berg’ lautet sein Name, weil noch bis in den Sommer Schnee seinen Gipfel ziert.
Ich erinnere mich an Ziver (das Heimatdorf von Gurbetelli E., AdÜ.) an ein Naschwerk dort, das aus dick eingekochten Maulbeeren, die mit Schnee vermischt wurden, zubereitet wurde. Es hat wie Eis geschmeckt. In diesem Moment wünsche ich mir, meine Hand nach dem in der Ferne liegenden Schnee ausstrecken zu können, um von ihm zu kosten.

Servin, Mitglied des Koordinationskomitees der YAJK (Yekitiya Azadiya Jinen Kurdistan – Freie Frauenunion Kurdistans, AdÜ.), ist in das Zagrosgebirge aufgebrochen. Zur gleichen Zeit ist die Freundin Neval in die Region Metina gegangen. Ich spüre die Leere, die sie hinterlassen haben. Auch wenn ich versuche, diese Leere auszufüllen, ergeben sich doch Probleme in meiner Handlungsweise und auch in der Art, wie ich mich gebe. Manchmal genügt meine Kraft nicht.
Der Termin der Konferenz nähert sich und die Vorbereitungen sind noch nicht abgeschlossen. Die Verantwortung, die dabei auf mir lastet, ist groß und ich weiß noch nicht, ob ich alles rechtzeitig hinkriegen werde.

Die Geschichte des Kampfes wird von Region zu Region aufgearbeitet. Dabei wird ersichtlich, wie einige Dorfgemeinschaften leben: rückständiger als im Feudalismus. Sie leben von der Tierhaltung. Ihre Lieder, ihre Geschichten, ihre Spiele – selbst jene, die sie am liebsten haben – handeln nur von Tieren.

Freund Zeki hat sich zu der Zeit, als er noch Mitglied des Zentralkomitees war und mit Proviant bepackte Maulesel bei sich führte – er selbst war mit wenig Ideologie ausgerüstet –, ebenso dörflich verhalten wie Kör Cemal. Im Unterricht wurde vorgetragen, wie unter Hogirs Verantwortung in seiner Region viele Neuankömmlinge aus den Universitäten aufgrund der Nichtbewältigung der unterschiedlichen gesellschaftlichen Hintergründe als Verräter bezeichnet und zum Tode verurteilt wurden. Ich erinnere mich an Freund Zeki Yigit aus dem Gebiet Piran. Er ist zusammen mit einer Gruppe von Freunden von der Uni in Eskisehir zur Guerilla gekommen. Er wohnte in Adana. Als er ging, hat er sich im Stadtteil nur von mir verabschiedet. Später habe ich erfahren, daß er unter den Verurteilten war. Beim IV. Kongreß haben dann viele der Getöteten nachträglich den Status von Gefallenen erhalten.

In Botan intensivierten sich von Beginn des Kampfes an die dörflichen Konflikte. Sie führten zu einem zerstörerischen Führungsstil innerhalb der Guerilla, genau in der Art und Weise, wie es – obgleich ohne Zutun des Feindes – von diesem beabsichtigt war. In dieser Zeit nach dem III. Kongreß leistete nur Freund Cuma Widerstand gegen diesen falschen Führungsstil. In diesem Gebiet wurde der Kampf zwischen den gesellschaftlichen Schichten hart und scharf geführt. Man kann sagen, daß viele aufgrund mangelnder Auseinandersetzung über die bestehenden Unterschiede den wirklichen Feind übersehen haben und sich dafür gegenseitig in Form eines Klassenkampfes bekämpft haben. Statt im Bewußtsein der bestehenden gesellschaftlichen Unterschiede und der Realität unseres Volkes den Kampf gegen den Feind zu führen, wurden in den Jahren 1988/89 und einem Teil des Jahres 1990 die in jeder Schicht vorhandenen Stärken dazu eingesetzt, sich gegenseitig fertig zu machen.
(Während der Zeit, in der jener Hogir in Botan die Verantwortung innehatte, kamen viele Studenten aus den Städten zur Bewegung. Die von dieser Gruppe eingebrachten neuen Ansichten und Ideen wurden von der Führungsriege um Hogir und auch Kör Cemal als Angriff auf ihre reaktionären Machtstrukturen aufgefaßt. Mit den erwähnten Todesstrafen versuchten sie, ihre Position zu halten. Der eigentliche Kampf geriet zur Nebensache. Die dem Feind dienende Zersetzung der Freiheitsbewegung wurde von diesen Kommandanten selbst herbeigeführt. Im Laufe des Jahres 89 setzten sich Hogir und Kör Cemal von der Guerilla ab. Sie wurden aus der PKK ausgeschlossen. Zugleich wurde der Führungsstil, den sie verkörperten, auf das schärfste verurteilt. AdÜ.)
Während der Wind die Fahnen bewegt, vermischen sich die Laute des Flusses aus dem Tal mit dem Gesang der Vögel. Plötzlich wird mir die Schönheit der Natur in Kurdistan wieder bewußt.
Es wurde die Frage gestellt, wer sich zwischen 1990 und 95 als aktiver Kämpfer in der Gegend von Botan aufgehalten hatte. Rund fünfzig Frauen und Männer sind aufgestanden. Einige ergreifen das Wort und werten ihre Erfahrungen aus. Zur Zeit spricht der Freund Celal aus dem ZK.
Gruppe für Gruppe und Einheit für Einheit werden die Gründe für die Verluste im Zusammenhang mit der Führungsart und der nicht richtigen Umsetzung der taktischen Vorgehensweise betrachtet. Es wird über die Praxis der beweglichen Einheiten diskutiert. Viele Freunde streben danach, in den beweglichen Einheiten eingesetzt zu werden. In Wirklichkeit sind aus diesen beweglichen Einheiten oft eigenständige Gruppen geworden, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Sie wollen es sich möglichst bequem machen und haben ihr eigentliches Ziel, den militärischen Kampf, vergessen. Manche haben vergessen, was es heißt, Guerilla zu sein, und beginnen, sich wie Aghas aufzuführen. Warum ist die Moral derart gesunken? Warum hat man sich von dem Ziel entfernt, den Kampf immer besser zu führen? Weil man sich von den Guerillaprinzipien entfernt hat.
Die Sonne brennt heiß, fast alle sind weggedämmert. Je größer die Zahl der Guerillakämpfer wird, um so mehr verhalten sie sich wie Zivilisten.

Februar 96

Die Geschichte des Kampfes wird Schritt für Schritt weiter vorgetragen. Nach Botan, Garzan und Amed ist jetzt Dersim an der Reihe. Ich habe Dersim noch nie gesehen. Wenn der Name Dersim fällt, kommen jeder und jedem zuerst Rebellion und Massaker in den Sinn. Man erzählt über den Freund Zeynel. Ich erinnere mich an die erste Begegnung mit ihm. Es war in Mersin, wo er mich zunächst zwei Mal nach dem Namen eines kleinen Mädchens fragte, bevor er mich erkannte; oder an unsere Treffen in Bingöl, die über das Telefon verabredet wurden. Und an die späteren Zusammenkünfte. Ich erinnere mich auch daran, wie er aufgrund seines feudalen Stolzes eingriff, als ich von zwei Strolchen belästigt wurde, und auch an seine spätere Entschuldigung, nachdem ich wütend wegen seines Verhaltens war. Die Notiz, die er mir mit der mittlerweile gefallenen Jiyan nach Istanbul geschickt hatte, und mein Treffen mit ihm in den Folterkellern der Polizei. Und ich erinnere mich an meine illegale Zeit in den 90ern.

Wenn der Name Zeynel fällt, erinnere ich mich zunächst an die Aktion an der Yado–Quelle im Jahre 1993, genannt die Aktion von Bingöl. Bei dieser Aktion wurden 33 Soldaten getötet – womit auch die Phase des Waffenstillstandes vorüber war. Er kämpfte auch im Gebiet von Erzurum. Später ging er nach Dersim, um dort Verantwortung zu übernehmen. Ende 94 kam dann die Nachricht, er sei gefallen. Er gewann die Herzen der Menschen. Schon in jungen Jahren erhielt er eine ehrenvolle Anwärterposition für das ZK. Er wird zur Legende in Erzurum, Bingöl und Dersim. Gefallener Kommandant Zeynel, ich erinnere mich mit Respekt an Dich.

           


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