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In mir ist ein brennendes
Feuer...
Aus dem Tagebuch von Gurbetelli Ersöz,
Teil II
März 1996
Der
Frühling entfaltet sich von Tag zu Tag mehr in seiner ganzen Pracht.
Gelbe und lilafarbene Blumen sind die ersten, die erblühen. Regen,
Schnee - in einem erstaunlichen Tempo entwickelt sich das Leben. Der
Kampf derjenigen, die sich wie Riesen vorkommen, aber in
Wirklichkeit Zwerge sind, geht in den verschiedensten Formen weiter.
2. April 1996
Das
Leben ist so schön, die Umgebung ist überfüllt mit
verschiedenfarbigen Blüten. Die Lilien und die gelben Blumen blühen
immer häufiger und überall. Der Fluß Zap tritt über die Ufer und
fließt schwarz und mit wachsender Kraft. Die 1. Frauenkonferenz, die
für die aktuelle Phase sehr wichtig ist, geht mit intensiven
Diskussionen voran - manche von ihnen sind so schön wie die Blumen,
andere sind so schwarz wie der Zap. Das Ziel ist es, die schönen
noch schöner zu machen und die schlechten auf ein Niveau zu heben,
das auch sie schön macht. Dieser Kampf ist vielseitig und sehr hart
- der Klassenkampf und der Kampf der Geschlechter. (...)
26. April 1996/ Zap – Die Schlucht
von Deraluk
Beladen mit der Sehnsucht von Jahren bin ich wieder in der Heimat.
Nach dem Grenzübertritt ließen wir uns zunächst in Zap nieder. Ich
lernte die Realität meiner Heimat kennen – das Leben der Frauen –
d.h. ich lernte meine eigene Wirklichkeit kennen. Tag für Tag
verfolgte ich den Niedergang der YAJK (Yekitiya Azadiya Jinen
Kurdistan – Freie Frauen Einheit Kurdistans; Anm. d. Ü.). Zwei
Monate lang lief ich krank in Zap herum – ich wurde Zeugin des
Kampfes gegen den tausendjährigen Verrat der KDP (Demokratische
Partei Kurdistans; Anm. d. Ü.). Zum ersten Mal hörte ich die
Nachricht von gefallenen Freunden, die ich am Tag zuvor noch gesehen
hatte. Ich lief unter den Militäroperationen und Bombardierungen des
Feindes her – ich hörte auch die Patronen, die auf den Feind
abgefeuert wurden. Ich sah das zentrale Lager der Partei und lernte
mehr als zehn Freunde aus dem ZK kennen.
An warmen Septembertagen in Zap sah ich die mit Schnee bedeckten
Gipfel der Berge. Den Zap sah ich von tiefblau und ruhig bis tobend
und schlammig. Der Zap ist verschmutzt und eine Geisel, solange der
Ort Cukurca (Ort im türkisch besetzten Teil Kurdistans in dem der
Zap entspringt; Anm. d. Ü.) seine ungereinigten Abwässer in den Fluß
leitet.
Ich
überquerte den See Sive, dessen Ufer voller Wallnußbäume steht, und
trank von seinem grünen Wasser – ich verlor mich in den Hügeln des
Cudi und dessen Felsen, die wie Labyrinthe sind.
Nur 20 Meter vom Zap entfernt, wurde ich zusammen mit 500 anderen
ausgebildet. Ich war Zeugin der 2. und 3. Versammlung von Zap. Zap
beherbergte die YAJK-Konferenz; und Zap ist jetzt eine Garnison, der
Ort der Guerilla.
Zap
zieht sich von der Schlucht des Amed-Sees bis hin zum Frühlingshügel
– von der Schlucht von Deraluk bis zu den Gipfeln von Kurê Jahro. Im
Winter 1995/96 wurde es zum Hexenkessel. Zap hatte Auswirkungen auf
die Politik im Nahen Osten – Zap wurde auch Zeuge des Machtkampfes
zwischen Mann und Frau.
7. Mai 1996
Ich
bin im Camp Mehmet Karasungur. Morgen gehe ich in das Camp Aziz. Ich
habe das Schreiben vernachlässigt, weil ich intensiv arbeitete. Aber
es sieht so aus, als würde ich von jetzt an wieder schreiben können.
Bevor ich jedoch hierüber berichte, möchte ich meine Eindrücke aus
Zap schildern.
In Zap habe ich viel Schönes gesehen. In Zap habe ich mein
Geschlecht - d.h. ich habe mich als Frau – geliebt. In Zap sah ich
die Vorherrschaft der Männer, wie auch die Rolle der Frau im Kampf.
In Zap nahm ich an der 1. nationalen Frauenkonferenz teil – in den
freien Bergen auf einer Freiheitsplattform. Über 300 Teilnehmerinnen
waren bei der Konferenz, davon 220 Delegierte. Ich wurde Zeugin des
Geschlechter- und Klassenkampfes. Ich hörte die Schreie nach
Freiheit und die Schwüre auf sie.
Den ganzen Winter über war ich in Zap in Aktion und konnte meine
physischen Kräfte erfahren. Ich habe die Freundschaften und die
Genossen erlebt – und die Dimensionen des Klassenkampfes. Auf der
Plattform der Konferenz reinigte ich mich durch umfassende Kritik
und Selbstkritik. Ich erhielt die Aufgabe als Reserve des ZK in
Hinsicht auf die Befreiung der Frau. Auf diesen Weg brach ich mit
der Entscheidung auf, diese mir gegebene heilige und bedeutende
Aufgabe mit der Liebe zu meinem eigenen Geschlecht und als
leidenschaftliche Kämpferin zu erfüllen.
In
Zap war ich mit meiner Genossin Rewsen zusammen (Rewsen ist die
Schwester von Gurbet; Anm. d. Ü.). In ihr suchte ich Agir. Ich sah
die Guerilleros, die aus Amed kamen und hörte den von ihm
ausgebildeten und ihn liebenden Kämpfern zu. Mit Rewsen sprachen wir
über Agir – immer stärker war ich ihm verbunden. Ich bekam die
Nachricht, daß Dilar, Diyar, Binevs und andere gefallen waren. Ich
war tief – sehr tief – getroffen.
In
Zap sprach ich mit dem Vorsitzenden der Partei. Ich erlebte die
Begeisterung seiner Erwartungen. Daß er sogar Interesse an meiner
Gesundheit zeigte, berührte mich. Bevor ich mich von Zap trennte,
ging ich zwischen den wie verrückt wachsenden Gräsern und den immer
grüner werdenden Bäumen spazieren. Ich erlebte eiskalte Nächte - ich
lief durch den Schnee - ich sah im Schein des Feuers den Morgen
erwachen - ich beobachtete die Schönheit von Kurê Jahro, bei
Sonnenuntergang und bei Sonnenaufgang, bei wolkenverhangenem und bei
klarem Himmel - ich sah Med TV - ich machte für Med TV Aufnahmen und
Reportagen.
In
Zap lernte ich unser Land kennen: Serhat, Dersim, Amed, Kocgiri,
Garzan, Botan und Zagros – einzig durch die Menschen die ich aus
diesen Gebieten traf. In Zap vertiefte sich in mir der
leidenschaftliche Wunsch, nach Amed zu gehen. Ich sah die schönsten
Blumen in Zap. In Zap lernte ich auch die Guerilleros kennen.
Während ich das schöne Gebiet der Schlucht von Deraluk hinter mir
lasse, trage ich die Freude auf einen Neuanfang in mir ebenso, wie
die Freude, die Ergebnisse der Konferenz nach Boti, Süleymaniye und
nach Erbil zu bringen. (...)
12. Mai 1996
Ich
bin im Camp Aziz. Seit vier Tagen versuche ich die Situation vor Ort
auf Grundlage der Konferenzergebnisse zu verstehen und einer
Problemlösung näherzukommen. Wenn ich die Kranken und die Verletzten
sehe, denke ich an Dr. Agir. Wie er versuchte, die Kranken moralisch
aufzubauen und ihnen eine Seele zu geben. Wie er ihnen die
Begeisterung für den Kampf und die Liebe zur Heimat als Medizin gab.
Wie kann ich dies den Genossen hier geben? Es gibt über dreißig
Freunde, die man „Ein-Arm“ nennt. Viele haben ihre Füße durch
Landminen verloren. Es gibt Freunde, deren Arme verletzt sind,
Freunde in deren Körper Splitter stecken und Freunde mit
Krankheiten. In ihrem Innern haben sich viele von der Moral des
Kampfes entfernt und tragen diese Last mit sich herum.
Sie hatten träumerische Vorstellungen von der Revolution – sie
dachten nicht daran, daß sie ihre Beine oder ihre Augen verlieren
würden. Kurz, daß sie sich auch ohne den Einsatz an der Front
weiterhin im Kampf befinden würden, damit hatten sie nicht
gerechnet. Sie haben Hemmungen zu akzeptieren, daß sie trotz ihrer
Behinderung noch wichtige andere Aufgaben übernehmen können. Auf der
anderen Seite gibt es diejenigen, die Angst vor dem Kampf haben –
diejenigen, die weglaufen. (...)
31. Mai 1996/ Boti
Nachdem wir in unserer Unterkunft den Vorfall mit dem Töten einer
Schlange hinter uns hatten und gerade einen warmen Schluck von
unserem vorbereiteten Tee nahmen, kam ein Freund Namens Berbang
herein und fragte, ob wir BBC gehört hätten und fügte - als wäre es
eine ganz alltägliche Nachricht hinzu - das sich im Gefängnis von
Amed (Diyarbakir) zwei Freunde verbrannt hätten und ihr Zustand
schlecht wäre. Sie wären ins Krankenhaus gebracht worden. Außerdem
gäbe es 9 weitere Verletzte.
Jedes Wort hallt in meinen Ohren. ‘Was noch’ frage ich; ‘das ist
alles’ antwortet er. Es kann nicht alles sein. Darüber muß es noch
mehr geben. Es muß erzählt werden. Ich habe Schmerzen und ich lege
mich hin. Eigentlich müßte ich baden gehen, die anderen Freunde sind
gegangen. Heute oder morgen werden sie sich in Richtung Zap auf den
Weg machen. Mit ihnen hätte das erste Bad in Boti bestimmt viel Spaß
gemacht. Sie erzählen von einem kleinen Wasserfall, der wenig Wasser
hat, der aber wirklich als wunderbarer Wasserfall bezeichnet werden
kann. Ich lege mich ein bißchen damit die Schmerzen nachlassen.
Aufgrund der gestrigen Nachrichten erinnere ich mich zurück an das
Gefängnis Sagmacilar und an Amed. Nuran Ekingenn, Cemal... Aufgrund
der Cetinkaya Aktion 1992, wobei 12 Personen ums Leben kamen, sind
bei einer Gerichtsverhandlung in Istanbul sechs GenossInnen zu
lebenslanger Haft verurteilt worden. Ich fasse mit meiner Hand die
goldene Kette mit einem Kleeblattanhänger an; ein Geschenk von den
Genossen aus dem Gefängnis. Ich bewahre es als eine Erinnerung auf.
Ich sehe die kleine Arzttochter Nuran vor meinen Augen, wie sie mit
ihren weißen Zähnen lächelt. In der Phase als die Frauen aus der
Guerilla entfernt wurden, ist sie nach Hause gegangen und wurde dort
festgenommen, weil ihr Name bei der Cetinkaya Aktion vorkam. Sie
wurde zum Gefängnis Sagmacilar gebracht. Wenn ich an die Kerker
denke und an die Genossinnen in den Kerkern, an ihre Sehnsüchte,
wird meine Liebe zu den Bergen immer größer und größer. Von Boti
erreicht sie Amed und Serhat. Ich denke an die, die ihre Körper in
den Kerkern dem Feuer übergaben und die mit ihrem Willen gefallen
sind; ich denke an die strahlende Sonne und an die wegweisenden
Sterne.
Ich denke an Dr. Agir, Senol, Kemal und an all die Freunde die ich
nicht kenne, deren Körper verbrannt wurden im Dorf Resan. Agir, mein
Agir, nicht mal ein Foto habe ich von dir. Ich kann es mir nicht
verzeihen, daß ich nicht mal ein Foto von dir mitgenommen habe; mit
deinen lächelnden Augen hinter der Brille. In Guerilla- Kleidern
voll ausgestattet in einer Schneelandschaft, stehst Du ganz vorne in
der Gruppe und lächelst in die Kamera - Du schaust mich an - Du
lächelst mich an - Ich schaue mit Sehnsucht in Deine Augen. Ich
möchte mit Dir reden und im gleichen Augenblick sehe ich, daß Du
ganz vorne in der Tanzgruppe singst und mit deinem geschmeidigem
Körper dich im Rhythmus bewegst. Bitte, Genosse Agir, laß uns
zusammen reden - ich möchte mit Dir reden - Ich schreie Agir! Agir!
Ich werde aus dem Schlaf geweckt.
Mein
Traum, in dessen Einfluß ich mich noch befinde, geht zu Ende. Meine
Augen sind gefüllt mit Tränen - ich habe Angst - ich kann die Tränen
nicht beherrschen, die aus meinen Augen fließen - ich laufe - der
Wind berührt mein Gesicht - kleinen Tränen brennen auf meinen Wangen
- Die Melodie der Vögel wird begleitet von dem Plätschern des
Wassers - Ich spüre den Duft der Kräuter und auch die Frösche
beteiligen sich an dieser Symphonie der Natur. Ich bin eins mit der
Natur - mit meinem Genossen Agir an meiner Seite laufe ich weiter.
Das Foto mit dem Kleidchen - das Bild mit der Krawatte für die
Schule - das Foto worauf er als Schulbester abgelichtet worden ist -
das Foto worauf er braungebrannt in einem Arztkittel für mich Saz
spielt - Jeder Moment ist wichtig für mich - wie Du mich im
Gefängnis besucht hast - wie Du deine Patienten als junger Arzt
behandelt hast - In Guerilla- Kleidern - die Diagnose der
Krankheiten feststellend - die Moral, die ideologische Moral.
Ja, Du bist was besonderes, den Vorsitzenden der Partei hast Du
schnell verstanden, und im besten Sinne. Tatsächlich sind die
Guerilleros, die sich von der Ideologie entfernt haben, krank,
physisch sind sie auch anfälliger - und ich befinde mich zur Zeit
unter solchen Kranken. Sie haben keine Hoffnung, sie haben keine
Erwartungen. Sie möchten nur das Heute leben und das auf eine
verkommene Weise. Das ist die Krankheit. Und ich möchte sie heilen,
auf jeden Fall.
2.Juni 96/Boti-Zagros
Ich
lese die Reportage mit dem Parteivorsitzenden vom 12. Mai 1995 im
Med TV. Als ich am 14.Mai davon hörte, war ich im Camp Aziz, und
bekam eine Gänsehaut und war total durcheinander. Der
Attentatsversuch am Vorsitzenden! Das konnte nicht möglich sein!
Auf
keinen Fall bin ich vorbereitet auf so ein Thema. Vielleicht hatte
ich vor so was Angst, habe während der Zeit im Sicherheitsdienst
darüber nachgedacht. Es darf nicht sein - es ist nicht die Zeit
dafür - ich bin überhaupt nicht darauf vorbereitet - Keiner von uns.
Den Vorsitzenden der Partei kann ich seit ich im Land bin viel
besser erkennen. Wie er die Revolution vorantreibt, kann ich
verstehen.
Vor mir ragen hohe Gebirgszüge. An einem Hang gibt es immer noch
Schnee, sie sehen wie weiße Flecken aus. Die Hochebenen werden erst
jetzt langsam grün. Ich war noch nicht an den Gipfeln der Berge,
aber darauf will ich auf jeden Fall steigen.
Ein
Freund aus der Uni Zeit war hier, Tahir; In der Partei nennt er sich
Irfan. Durch einen überraschenden Befehl ist er gegangen, ohne mich
zu sehen. Er hat den Namen von Dr. Irfan übernommen. Er ist ziemlich
feudal; aus seiner familiären Erziehung und seiner Stellung als
Kommandant in Botan ist eine seltsame Mischung von Persönlichkeit
hervorgegangen. Um mit ihm zu diskutieren, habe ich versucht eine
Möglichkeit zu finden, aber er ist früh gegangen. Er ist ein Freund
aus Amed, den ich mag. Im Bezug auf die Frauenfrage und deren
Lösungen ist er engstirnig, aus diesem Grund wird er es auch in der
Praxis schwer haben. Er strebt nicht die Lösung an, sondern das
Weglaufen davon, wie viele Freunde auch. Er zögert bei Diskussionen.
Sogar mir gegenüber ist er so. Ich hätte mir vorher Zeit nehmen
sollen, um mich mit ihm in dieser Richtung zu unterhalten.
Ich war unterwegs in Erbil, Süleymaniye, Aziz und in den Gebieten
von Ranya. Ich habe versucht den Süden und unsere Aktivitäten im
Süden und die Lage unseres Volkes zu verstehen. Die Sprache ist eine
Barriere. Eine Mischung aus Sorani und Kurmanci ist entstanden; eine
Art Sormanc, eine neue Sprache.
Das
Volk ist gefangen von seinem Hunger und sexuellen Trieben. Genau
gesagt, sind diese Triebe sehr billig geworden; die Menschen
verkaufen sich, d.h. sie verkaufen ihren Willen. Im Süden gibt es
eine großartige Möglichkeit für eine Revolution. Hier gibt es keinen
Staat, es gibt Staaten. Wer das Volk für sich gewinnt, der hat
gewonnen. Unsere Arbeit hier ist sehr ungenügend; die Kader sind
sich nicht klar über die Phase in der wir uns befinden; der Begriff
vom Feind ist unklar; um das sogenannte Kräftegleichgewicht nicht zu
zerstören, befindet man sich im Einvernehmen mit feindlichen
Kräften. Man glaubt nicht an das Volk; man schaut auf sie herab. Die
Aktivitäten hier werden nicht als Kampf anerkannt.
Ich
habe gerade das Radio eingeschaltet. Ich höre Musik, sie spielen die
Lieder, die auch Agir sehr gern gehört hatte. Im Namen von ihm höre
ich zu, lebe ich und arbeite ich. Im Namen der Sehnsucht und Liebe
zu Agir. ...
Juni 1996
Heute möchte ich weinen. Ich möchte schreien. Meine Stimme muß über
Boti hinaus und die Gruppe die nach Amed aufgebrochen ist,
erreichen. Zu den Freunden Dr. Süleyman, Redar und Irfan. Wir
wollten doch zusammen aufbrechen. Mein Inneres verbrennt - ich kann
meine Tränen nicht zurückhalten. In mir ist ein brennendes Feuer -
eine brennende Sehnsucht. Seit ich vom Aufbruch der Gruppe gehört
habe, sehe ich Agir, egal wo ich hinschaue.
Die
4. nationale Konferenz der Partei fand Anfang Mai statt. Im
Augenblick be-finden wir uns in einer Versammlung, in der sich auch
Ari, Dogan und Kenan eingefunden haben. Wir lesen den Politischen
Bericht gemeinsam. Danach werden wir die Beschlüsse lesen und
versuchen, in Bezug auf das südliche Gebiet zur einer Planung zu
gelangen. Ich möchte viel, sehr vieles tun. Ich bin voller Energie.
Ich fühle soviel Kraft als könnte ich bis nach Amed fliegen. Ich
möchte auf Ko Spi landen. Durch die Kommunikation der Funkgeräte
auch vom Berg Ak kann ich die Gefallenen beobachten. Ich sehe das
Tal von Murat und bin dann in Resan, dort sehe ich die verbrannten
Körper zwischen den Flammen von Agir, Senol, Kemal und den anderen.
Das Geruch von Menschenfleisch spüre ich in jeder meiner Zellen.
Meine Tränen fließen wie Wasser, aber diese Tränen können die
Flammen in Resan nicht löschen, Rewsen.
Jetzt befinde ich mich im Camp Boti in einer kleinen Höhle. Die
Freunde Evin, Basur, Avesta, Renak, Erihan, Berivan, Felek, Hezil
und Milan befinden sich auch hier. Die Arbeit in der Nacht ist zu
Ende; wir werden morgen weitermachen. Weil wir die Größe einer Manga
haben, sind wir für uns Wasser holen gegangen.
Rewsen ist nach Etrus gegangen. Sie war dort im Komitee der Jugend.
Nach einem Monat hat man sie zurück nach Gare gerufen. Wir werden
uns sehen, Rewsen, meine schöne Genossin. Unsere Rache- und
Haßgefühle werden stark sein. Wir werden den Weg gehen, den die
Seyids, Ekrems, Yados, Zaza Hasans und Munzurs gegangen sind.
(Märtyrer der Befreiungsbewegung). (...)
18 Juni 1996
Nun
bin schon seit zwei Jahren aus dem Gefängnis von Sagmacilar raus.
1994 war mein schwarzes Jahr. Wir nähern uns August - ich möchte
mich überhaupt nicht daran erinnern - August, 30 August...
Ich weiß den Grund nicht, aber in diesen Tagen kann ich Agir nicht
aus meinem Denken verbannen. Von seiner Kindheit an bis zu dem Tag
an dem er gefallen ist, alles sehe ich vor meinen Augen. In meinem
Traum gab er mir eine Süßigkeit, eine seltsame Süßigkeit und er war
sehr fröhlich.
Während ich aufwache denke ich an die brennenden Körper. Dieses Bild
ist immer vor meinen Augen. In der Zeitung Özgür Gündem hatten wir
das Bild von einer Leiche veröffentlicht, von der noch Rauch
aufstieg.
Es
muß der 1. oder 2. Dezember gewesen sein, als sie das Gebäude der
Tageszeitung Özgür Gündem in Kadirga in die Luft jagten. Auch das
Büro in Ankara wurde uns 3-4 Stunden später in die Luft gejagt. Ich
war damals in Griechenland, in Athen. Ich war gerade 15 Tage weg, um
weiter zur Akademie zu gehen. Ein Freund, der Fahrer Ersin Yildiz,
wird dort getötet. Als die Freunde am frühen Morgen zur Arbeit
gehen, stehen sie vor dem zerstörten Gebäude. Eine Woche nach der
Zerstörung geht Freund Ferda dahin und genau in der Nähe unserer
Zimmer findet er unter den Trümmern von Asche, Beton und Eisen ein
kleines Stück Papier. Er denkt das kann nicht sein, ein Gedicht mit
der Unterschrift Dr. Orhan Ersöz.
Ich
hatte die Gedichte von Dr. Agir von zu Hause mitgenommen, davon
Fotokopien gemacht um sie zur Rewsen nach Europa zu schicken. Ein
Exemplar befand sich noch in meiner Schublade, bevor ich ging hatte
ich die Freunde gebeten, es ins Archiv zu tun.
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