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Die türkische
Armee will einen schmutzigen Krieg
Das Ende des
Waffenstillstands
Ein Überblick über die Entwicklung in den letzten Monaten von Eva
Erle
Seit dem 1. Juni 2004
ist der Waffenstillstand, den die kurdische Guerilla einseitig und
freiwillig seit 1998 eingehalten hat, nicht mehr gültig. In der
Erklärung der Volksverteidigungskräfte (HPG) werden Botan, Amed und
Dersim als Verteidigungsgebiete der Guerilla genannt, in denen die
türkische Armee und Dorfschützer sich auf Verteidigungsaktionen
gefasst machen müssen. Diese Verteidigungsaktionen können durchaus
auch an anderen Orten stattfinden, nämlich dort, wo die (wirtschaftlichen)
Quellen der Armee sind.
Mittlerweile hat es
mehrere Aufrufe von kurdischen demokratischen Parteien gegeben, den
Waffenstillstand wieder einzusetzen, was sogar von der europäischen
Presse gemeldet wird. Nicht gemeldet wurden jedoch die Gefechte der
vergangenen Monate, die zur Aufhebung des Waffenstillstandes geführt
haben. Wir wollen an dieser Stelle einen Überblick geben und die uns
bekannten Nachrichten zusammenfassen. Die Quellen sind vor allen
Dingen die übersetzten Meldungen der DIHA (Dicle Nachrichtenagentur)
und andere Agenturmeldungen.
März: Newroz
und die Wahlen
Im März schaut die
internationale Öffentlichkeit traditionell etwas aufmerksamer nach
Kurdistan. Am 16. März ist der Jahrestag des Massakers von Halabjah,
am 21. März wird Newroz gefeiert. Dieses Jahr fanden am 28. März
noch dazu Kommunalwahlen statt. Dennoch meldete die DIHA am 16. März
den Beginn zweier Militäroperationen um den 10. März herum, einmal
in den Cûdîbergen bei Sirnak und eine in den Gabarbergen in der
Gegend von Çirav und Mîsar. Die Guerilla selbst sagte laut DIHA,
dass schon seit Februar Operationen gegen Guerillaeinheiten in den
Regionen Mardin und Botan durchgeführt worden waren.
April:
Terrorliste der EU und neue Operationen
Anfang April
aktualisierte die EU ihre „Liste terroristischer Organisationen”.
Dabei wurde der KONGRA-GEL als Nachfolgeorganisation der PKK
eingestuft und in die Liste aufgenommen. Dieser Schritt war ein
klares politisches Signal der EU zum weiteren Umgang mit der
kurdischen Frage und ein grünes Licht für militärische Optionen der
Türkei. Die türkische Armee zögerte auch nicht lange, diesen
Spielraum auszunutzen. Am 7. April begann sie in der Nähe von Sirnak
eine Militäroperation mit 20 Fahrzeugen. Am 8. April wurden weitere
Truppen dorthin verlegt. Zwei Tage später meldet DIHA den Tod zweier
türkischer Soldaten; die Guerilla hatte bis dahin keine Verluste.
Auch die Konterguerilla
wurde wieder aktiv. Am Abend des 14. April kamen elf Personen,
verkleidet als Guerillas, zum Haus von Selahattîn Oge im Dorf
Qerehemzana (Yorgançayir), das zur Region Kanîres (Karliova) Çewlik
(Hakkari) gehört. Sein Sohn öffnete ihnen jedoch nicht die Tür und
schoss mit seinem Jagdgewehr. Bei den elf Personen handelte es sich
um Dorfschützer, so die Familie Oge. Nach dem Vorfall umstellten
Soldaten das Dorf. Nach dem Bekanntwerden des Vorfalls nahm sich der
Vorsitzende des Menschenrechtsvereines (IHD) von Çewlik, Ridvan
Kizgin, des Vorfalls an.
In der Gegend um Dersim
(Tunceli) fand eine mindestens einwöchige Militäroperation statt,
bei der auch Hubschrauber eingesetzt wurden. Am 15. April wurden
Auseinandersetzungen der Guerilla mit der türkischen Armee in der
Nähe des Dorfes Demirkaya in der Region Erûh - Elih (Batman) und die
Verlegung weiterer Truppen dorthin gemeldet. Am gleichen Abend
wurden 130 Militärfahrzeuge zu einer Operation in der Gegend von
Piran (Dicle) Amed (Diyarbakir) verlegt. In der Gegend von Siirt
gingen am 17. und 18. April zwei Sprengsätze hoch, bei denen drei
Soldaten getötet und vier verletzt wurden. Daraufhin wurde eine
Militäroperation durchgeführt, bei der zwei Mitglieder der HPG ums
Leben kamen. Diese Operation wurde in der folgenden Woche
ausgeweitet. Auch in den Amanosbergen bei Adana fanden Gefechte
statt, bei denen mindestens drei Guerillas starben. Dazu erklärten
die HPG am 8. Mai: Die Militärführung der Volksverteidigungskräfte (HPG)
gab bekannt, dass drei Guerillas, die in der Umgebung des Dorfes
Yoncaduzu, das zu der Region Erzîn/Hatay gehört, am 4. April lebend
in die Hände der türkischen Armee gefallen waren, hingerichtet
worden seien. Die Leitung der HPG erklärte, dass die Guerillas Hasan
Hatay (Hasan Gorse), Îskender Ulger (Kendal) und Adem Demîr (Siyar)
von der türkischen Armee hingerichtet worden seien. In der Erklärung
heißt es: „Die Verantwortlichen des türkischen Staates stellen die
Ereignisse als militärische Auseinandersetzung dar. Dies entspricht
nicht der Wahrheit. Unsere drei Guerillas wurden nach der
Auseinandersetzung unverletzt gefangen genommen und wurden dann
hingerichtet. Unsere drei Freunde, die gefallen sind, waren
überhaupt nicht Teil der kämpfenden Kräfte und nicht an den
Auseinandersetzungen beteiligt. In dem Autopsiebericht unserer
Freunde und laut Informationen von Augenzeugen wird deutlich, dass
unsere Freunde ihr Leben nicht in der Auseinandersetzung verloren
haben. In den Körpern unserer Freunde wurden Spuren von Schlägen,
Folter und aus der Nähe abgegebenen Schüssen festgestellt. Dies
deutet darauf hin, dass sie erschossen wurden.“
Mai: Die
deutsche Öffentlichkeit nimmt Kenntnis
Nachdem es am 5. Mai in
der Gegend von Cewlik (Hakkari) zu einem Gefecht zwischen den HPG
und Dorfschützern gekommen war, meldete AFP endlich auch, allerdings
nur die Verlautbarungen des örtlichen Gouverneursbüros, bei Kämpfen
mit türkischen Sicherheitskräften seien acht kurdische Rebellen nahe
der Stadt Eruh in der Provinz Siirt getötet worden. Um den 8. und 9.
Mai herum gab es Gefechte bei Gercüs/Batman und Nusaybin/Mardin. In
der darauf folgenden Woche weigerten sich Dorfschützer in der Gegend
zwischen Gürpinar/Van und Cukurca/Hakkari, an einer Militäroperation
teilzunehmen, worauf das Militär das Feuer auf sie eröffnete. Die
Weltöffentlichkeit war derweil mit den ans Licht gekommenen
Folterungen im irakischen Gefängnis Abu Gharib beschäftigt.
In der dritten Maiwoche griffen die HPG die Kaserne der
Sicherheitskräfte, das Gebäude des Militärbataillons und die
Polizeistation im Zentrum des Ortes an. In einer Erklärung der HPG
heißt es, der Angriff sei mit B-7-Raketen, Handgranaten und anderen
Waffen durchgeführt worden. Bei dem Angriff auf die Kaserne der
Sicherheitskräfte seien fünf Polizisten getötet und einer verletzt
worden. Bei dem Angriff auf die Militärstation und andere
Stützpunkte seien viele Mitglieder der Sicherheitskräfte getötet und
verletzt worden. Weiter heißt es, drei G3-Gewehre, ein M 16 und
anderes Militärgerät seien beschlagnahmt worden. In den eigenen
Reihen habe es keine Verluste gegeben. Diese Aktion war ein
Vergeltungsschlag für einen Angriff des türkischen Militärs bei
Misare im Kreis Eruh, bei dem sechs Mitglieder der Guerilla ums
Leben kamen. Nach der Auseinandersetzung begann eine
Militäroperation in Berwarî.
In der Gegend von Van
wurde am Abend des 23. Mai von unbekannten Personen der
Polizeistützpunkt an der Straße von Gever nach Semzînan bewaffnet
angegriffen. Bei dem Ereignis wurden drei Polizisten verwundet,
davon zwei schwer. Daraufhin begann eine Militäroperation, in deren
Folge zwei Personen, deren Identität nicht bekannt ist, verletzt
wurden.
Die folgende Woche
begann mit einem Aufruf der HPG an die AKP-Regierung und die
türkische Armee. Die Führung der HPG antwortete im Radio des KONGRA-GEL
auf Fragen aus der Bevölkerung zu den letzten Operationen und der
Zukunft des Friedens. Die Führung der HPG erklärte, die Operationen
der türkischen Armee, die in der letzten Zeit überall in Kurdistan
gegen die Volksverteidigungskräfte stattgefunden hätten, zeigten,
dass die Verantwortlichen in der Türkei den Krieg wollten: „Die
türkische Armee will einen schmutzigen Krieg, wie in den 90er Jahren,
sie will die Guerilla vernichten.“ Das Hauptquartier warnte die AKP-Regierung
und die türkische Armee, man werde bis zuletzt vom
Selbstverteidigungsrecht Gebrauch machen und falls ein Krieg begänne,
das Leben des gesamten Landes zum Stillstand bringen. Die HPG
erinnerten an die Aufopferungsbereitschaft der Guerilla und des
Vorsitzenden des kurdischen Volkes, Abdullah Öcalan: „Die
Operationen der letzten Phase haben den einseitigen Waffenstillstand
in Gefahr gebracht und die Geduld ist am Ende. Die türkische Armee
hat mit Komplotten unsere Freunde gefangen und ermordet. Wenn der
türkische Staat Krieg will, soll er wie ein Staat Krieg führen und
internationale Konventionen einhalten.” Die Führung der HPG sagte,
dass sie einen großen Widerstand gegen die Angriffe leisten werde:
„Die Guerillas der HPG haben sich in den letzten sechs Jahren in
Bezug auf militärische, politische und ideologische Fragen
ausgebildet und sind eine professionelle Kraft.” Das Hauptquartier
erinnerte an den 1. Juni und sagte: „Wir wollen nicht, dass der
Krieg beginnt, aber wenn er beginnt, wird das Leben in der Türkei
erstarren und es wird wieder Schmerzen geben und Tränen werden
fließen.“ Am Ende der Rede hieß es, alle Jugendlichen sollten sich
als Mitglieder der HPG verstehen und auf die freien Berge Kurdistans
kommen.
Davon unbeeindruckt
wurden die üblichen Operationen durchgeführt, so am 25. und 26. Mai
in der Gegend von Kayalar (bei Hakkari), auch Dorfschützer und
Kampfhubschrauber wurden eingesetzt. Die europäische Öffentlichkeit
wurde mit der Ankündigung der ersten Sendungen auf Kurdisch im
türkischen Staatsfernsehen beschäftigt.
Das Ende des
Waffenstillstandes
Am 28. Mai schaffte es
endlich eine Erklärung der HPG, von den europäischen Medien sofort
veröffentlicht zu werden. Die Ankündigung, dass der freiwillig
eingehaltene einseitige Waffenstillstand am 1. Juni enden solle,
wurde sofort verbreitet und besonders wurde natürlich die Warnung in
Bezug auf die Tourismusindustrie hervorgehoben. Aber auch die
Begründung für diesen Schritt, die sich verschärfenden Angriffe des
Militärs der letzten drei Monate, war zu lesen, allerdings nicht,
ohne gleich dahinter den Standpunkt von Militärsprechern
darzustellen: Die Rückkehr hunderter Kämpfer aus dem Nordirak drohe
den brüchigen Frieden zu brechen.
Die praktische Antwort
des türkischen Militärs waren die Verlegung von Truppen in die
Region Dersim, Militäroperationen im Raum Baskale/Van, auf dem
Tendurek/Agiri, auf dem Apê Musa/Amed (Diyarbakir), auf dem Sehîd
Kendal/Pasûr-Sason, in den Cûdî-Bergen bei Sirnak, im Zaptal/Çelê
(Çukurca) in der Zeit vom 27. Mai bis 1. Juni. Am 3. Juni folgte
eine Operation des Militärs bei Hasankeyf/Batman.
Die Guerilla antwortete
am 1. Juni gegen 1 Uhr mit einem Angriff auf die Kaserne German. Bei
der Aktion kamen zwölf Soldaten ums Leben, viele wurden verletzt.
Ein Panzerwagen der Marke Landrover wurde zerstört. Außerdem konnte
ein Guerillateam im Hof der Kaserne Militärfahrzeuge mit schweren
Waffen zerstören. Die Guerillakräfte zogen sich ohne Verluste
zurück. Daraufhin wurde den BewohnerInnen der umliegenden Dörfer der
Zutritt zu ihren Dörfern ohne weitere Begründung verweigert.
Auch im Raum Dersim
(Tunceli) und Amed (Diyarbakir) wurden groß angelegte Operationen
durchgeführt. Die HPG antworteten mit Aktionen im Rahmen der
legitimen Selbstverteidigung. Sie legten zwei Hinterhalte als
Antwort auf die Operationen.
Die zweite Juniwoche
hatte mehrere große Themen: Das Klageverfahren von Abdullah Öcalan
vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde eröffnet
und es wurde endlich eine Stunde im türkischen Staatsfernsehen in
Kurdisch gesendet. In einem taktisch klugen Schachzug ließen die
türkischen Behörden am 9. Juni, dem Tag der Eröffnung des Öcalan-Verfahrens
in Strasbourg, Leyla Zana, Hatip Dicle, Orhan Dogan und Selim Sadak
frei, die ehemaligen DEP-Abgeordneten, die zehn Jahre für ihre
politische Tätigkeit im Gefängnis gesessen hatten. Das war daraufhin
fast das einzige Thema, das in den deutschen Medien im Zusammenhang
mit der Türkei wohlwollend diskutiert wurde. Tenor war, die Türkei
ist doch nun eigentlich reif für Europa. Die sich fortsetzenden
militärischen Auseinandersetzungen fanden auch Erwähnung. Reuters
meldete die Militäroperation in Dersim (bei ihnen heißt es türkisch
Tunceli) mit 10 000 Soldaten als die schwersten Auseinandersetzungen
seit Ende des Waffenstillstandes und wies darauf hin, dass Öcalan
selbst seinen KämpferInnen empfohlen hatte, sich zurückzuziehen und
ihren Kampf politisch zu führen.
Die MHA (Mezopotamya
Haber Ajansi, Mesopotamien Nachrichtenagentur) meldete am 13. Juni:
Seit dem 8. Juni gab es Operationen gegen die Guerilla in Genc/Bingöl,
Kato, Marinos und Mezra/Hakkari, Anabar, Las Deresi/Dersim, Cudi,
Bestler/Botan. In Genc/Bingöl (Beginn 8.6.) wurden die
Armeeeinheiten am 12. Juni ohne Ergebnis zurückgezogen, in Hakkari (Beginn
11. Juni) ebenfalls. Im Gebiet Cudi gab es am 11. Juni Gefechte; ein
Verstärkungskonvoi wurde von den HPG angegriffen. Verluste der Armee
konnten nicht festgestellt werden; bei der Guerilla gab es keine
Verluste. Die Armeeeinheiten zogen sich unter Verlusten zurück. Am
12. Juni wurde im gleichen Gebiet erneut eine Operation begonnen. Am
11. Juni wurde auf der Strecke Pülümür–Zagge/Dersim ein Angriff
gegen zwei Panzerwagen der Armee durchgeführt; einer der Wagen wurde
zerstört. Im Harcik–Tal wurde eine Operation der Armee durchgeführt,
bei den HPG gab es keine Verluste; die Armeeeinheiten wurden
zurückgezogen. Am 12. Juni wurden an der Halburi-Brücke/Ovacik zwei
Panzerwagen der Armee zerstört; vier Soldaten kamen ums Leben, zwei
wurden verletzt. In den Gebieten Anabar und beim Lac-Bach sowie
Pilvenk ging die Operation der Armee mit Hubschrauberunterstützung
weiter; bisher wurden keine Verluste der Guerilla bekannt.
Am 13. Juni forderte
Leyla Zana in einer vielbeachteten Rede schließlich die Verlängerung
des Waffenstillstandes bis September. Dies ohne das geringste
Entgegenkommen der Türkei zu erfüllen wurde von Murat Karayilan,
Sprecher des KONGRA-GEL, zurückgewiesen.
Die Türkei findet
sicher, sie hätte sich schon genug bewegt, aber dass die kleinen
Gesten nicht ausreichen, um eine wirkliche und dauerhafte Lösung zu
finden, dürfte den politisch Verantwortlichen klar sein.
Juni 2004
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