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Das Muglali-Syndrom wird legalisiert (julI 2004)

Militärische Ehrung für Urheber des “33 Kugeln”-Massakers

Das Muglali-Syndrom wird legalisiert

1992 erklärte der damalige Ministerpräsident der Türkei, Süleyman Demirel: „Wir werden unsere Armee vom Muglali-Syndrom, die Hände unserer Kommandanten von den Fesseln befreien.“ Damit verhalf er Verbrechen am Volk, außergerichtlichen Hinrichtungen zur Legalisierung.
Der Vier-Sterne-General Mustafa Muglali ist ein Täter, noch dazu einer, der Massaker zu verantworten hat. Er ist ein Täter sowohl im Sinne der Menschlichkeit als auch nach juristischen Prinzipien. Dies bleibt wahr, auch wenn der türkische Nationale Sicherheitsrat einen Kommandanten, der schwere Verbrechen gegen das Volk verübt hat und auch Massaker durchführen ließ, allem Anschein nach als „Helden“ auszeichnet.

Nachdem die Dorfbewohner niedergeschossen waren, gab der Bataillonskommandeur der Grenzgendarmerie, Sükrü Tüter, den Vorfall an die 3. Armeekommandantur wie folgt wieder:
„Die 33 Personen, die der Unterstützung der über die Grenze eingedrungenen iranischen Banditen beschuldigt und festgenommen wurden, sind uns vom Landratsamt übergeben worden, damit sie uns zeigen, welche Wege die Banditen nehmen. Wir brachten sie an die Grenze und verlangten, dass sie uns die Wege über die Grenze zeigen. Sie zeigten uns einige Schleichwege, die uns ohnehin klar waren. Als wir in Cilli an den Fluss Sefo kamen, wurde von jenseits der Grenze aus (aus dem Iran) das Feuer eröffnet.

Einige der 33 Personen sprangen auf die Tiere unserer Kavallerie, andere versuchten, zu Fuß fortzukommen. So gerieten sie zwischen die Fronten und waren nach einer Weile vernichtet. Ich will diesen Sachverhalt an die höhere Ebene weiterleiten.“

Das Protokoll des Bataillonskommandeurs Sükrü Tüter an den Landrat von Özalp vom 30. Juli 1943, mit unterschrieben von verschiedenen Kommandeuren, lautete:

„Um die heimlichen Zugangswege an unserer Ostgrenze entlang der Caldiran-Zone festzustellen, begab sich unsere Einheit mit 16 nahen Freunden der iranischen Marodeure in die Cilli-Scharte. Nach einem langen Marsch machten wir in der Nähe der Grenze Rast, um unsere Tiere pausieren zu lassen, als plötzlich über die Grenze vom Rand des Karatepe aus das Feuer gegen uns eröffnet wurde. Ich wies meine Soldaten an, in Stellung zu gehen, als die Unterstützergruppe das durch den Hinterhalt verursachte Durcheinander zu nutzen und zum Teil mit Hilfe unserer Pferde zu flüchten versuchte und ich gezwungen war, auf sie schießen zu lassen. So begannen wir zu Pferd ein Gefecht 200 Meter vor dem Berg Nahir.

Ein Teil der von uns fliehenden Unterstützergruppe konnte meiner Meinung nach in dem Gefecht bis ca. 500 bis 600 Meter vor die Grenze entkommen. Während des zwei Stunden dauernden Gefechts haben wir keinerlei Verluste erlitten und 81 Kugeln verschossen, es wurden von uns 43 iranische Patronenhülsen gefunden. Diese polizeiliche Bescheinigung ist in der Takorengiz-Zone erstellt worden.“

Die Sache lässt sich nicht länger verheimlichen

Der Vier-Sterne-General Mustafa Muglali schrieb dem Nationalen Sicherheitsrat:

„Bei meiner Inspektion der Özalp-Zone habe ich es für sehr nützlich gehalten, verschiedene Personengruppen, die die Özalp-Region sehr gut kennen, Verwandte auf iranischem Boden haben und viel über die Clans wissen, die oft in unserer Heimat marodieren, in das Grenzgebiet zu führen, um grundlegende Informationen darüber zu erhalten, auf welchen heimlichen Wegen die Marodeure ungesehen die Grenze zum Iran übertreten, und so die seit ewigen Zeiten währenden Raubzüge in dieser Gegend zu verhindern. Wie wir auf Befehl mit einem Offizierskommando die in die Grenzzone transferierten Personen in einzelnen Gruppen in den Bereich der Cilli-Scharte führten, wurde von jenseits der Grenze her plötzlich das Feuer auf die Gruppen eröffnet. Ein Teil bemächtigte sich der Tiere der Kavallerie, ein weiterer Teil versuchte, über die Grenze zu fliehen. Die Schutztruppen waren gezwungen, umgehend Waffen einzusetzen, wodurch besagte Personen zwischen die Feuer beider Seiten gerieten. Um zu verhindern, dass einem Teil von ihnen, dem es gelungen war, die Grenze zu überschreiten, im Ergebnis des Gefechts die Flucht geglückt wäre, wurden sie nach unserer Einschätzung vollständig vernichtet. Während des Zusammenstoßes ist ein Offizier, der einer der Gruppen vorstand, an der Hand verletzt worden. Die einzelnen Gruppenverantwortlichen haben sich sehr positiv gezeigt. Ich bitte die Kommandantur Van hiervon zu unterrichten. Gez.: 3. Inspektionsgeneral Mustafa Muglali.“

Parlaments- und Gerichtsprozesse

Trotzdem das „33-Kugeln“-Massaker immer mal wieder thematisiert wurde, kann man nicht davon sprechen, dass etwas erreicht worden ist. Wegen der Terrorwelle, die das Einparteiendiktat wüten ließ, war es niemandem möglich, Herr dieses Themas zu werden. Die KurdInnen waren die einzigen, die einen Aufschrei hören ließen und Widerstand leisteten! Doch war niemand in Sicht, der ihre Stimmen erhörte.

Wegen der beginnenden „Parteienkonkurrenz“ als Ergebnis der Veränderungen im politischen Leben der Türkei, die sich nach dem II. Weltkrieg in den neuen Kräfteverhältnissen einen Platz suchte und sich dem Westen und insbesondere der NATO verdingte, kam das Thema auf die Tagesordnung und wurde in diesem Sinne angegangen.

Das Massaker ist zum ersten Mal am 7. Februar 1948 durch die Eingabe des Demokratiepartei-Abgeordneten von Kütahya, Adnan Menderes, des Abgeordneten von Kayseri, Fikri Apaydin, und des Abgeordneten von Eskisehir, Ismail Hakki Cevik, auf die parlamentarische Tagesordnung gesetzt und dann an eine Untersuchungskommission übergeben worden.

Als Ergebnis langandauernder Untersuchungen und Diskussionen war der Nationale Sicherheitsrat, so sehr er sich auch dagegen sträubte, gezwungen, gegen Muglali einen Prozess zu eröffnen. Am 9. September 1949 beschuldigte der militärische Staatsanwalt Serif Citak vor dem Militärgericht des Nationalen Sicherheitsrats Muglali und dessen Gesinnungsgenossen eines Verbrechens und forderte als Sühne die Todesstrafe.

Auf die Frage, warum er den Befehl gegeben habe, die 33 Dorfbewohner niederzuschießen, erklärte Muglali:

„In jenen Jahren war der Iran unter der Mithilfe Amerikas und Englands durch Russland besetzt worden. Die Russen gründeten in Mahabat eine kurdische Republik unter dem Ministerpräsidenten Seyh Gazi Mehmet. Die Kurden leisteten den Russen Agentendienste. Darum konnten an die Ereignisse in Bezug auf die Kurden keine normalen Maßstäbe angelegt werden, sie nicht mit normalem Staatsverständnis behandelt werden.“

Die Worte Muglalis gaben selbstverständlich nicht die Wirklichkeit wieder. Die kurdische Republik Zira Mahabat ist erst drei Jahre nach dem „33-Kugeln“-Massaker, am 22. Januar 1946, gegründet worden.

Das Gericht verurteilte Muglali am 2. März 1950 erst zum Tode und dann, in Anbetracht seines Alters, zu 28 Jahren schwerer Haft. Und diese Strafe wurde aufgrund seiner militärischen Dienste um acht Jahre verringert.

Das Muglali-Syndrom

Der Anwalt Muglalis, Cahit Oral, behauptete in einem Antrag an das Gericht, dass sein Mandant „nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte“ sei und entlassen werden müsse, da „Verrückte“ nicht zu verurteilen seien. Das Gericht erkannte die Definition nicht an, denn dadurch würde „der militärische Stand beleidigt“ werden. Der Generalleutnant Yasinkilic gab dazu folgenden Kommentar: “ Die Person, deren Unzurechnungsfähigkeit behauptet wird, hat drei Jahre lang die Befehlsgewalt in der Armee ausgeübt. Eine solche Behauptung würde die Armee beleidigen.”
Muglali erkrankte einen Monat nach seiner Verurteilung; im staatlichen Krankenhaus von Ankara, in das er verlegt wurde, verstarb er am 11. Dezember 1951.

1992 erklärte der damalige Ministerpräsident der Türkei, Süleyman Demirel: „Wir werden unsere Armee vom Muglali-Syndrom, die Hände unserer Kommandanten von den Fesseln befreien.“ Damit verhalf er Verbrechen am Volk, außergerichtlichen Hinrichtungen zur Legalisierung.

Und so gab es in den Jahren 1992 bis 1995 neue „33-Kugeln“-Massaker, das Land der KurdInnen wurde in ein Massengrab verwandelt.

Hinter dem Wunsch, sich vom Muglali-Syndrom befreien zu wollen, steht die Absicht, korrupte Strukturen zu sichern, einem immer mehr von Banden geführten Staat zu mehr Macht zu verhelfen. Dies ist gelungen, und die diesbezügliche Rechnung ist sehr hoch. Bevor Zivilisten wie Demirel, Ciller und Agar und Angehörige des Militärs wie Dogan Güres und Veli Kücük, die Banden bilden, ohne Gerichtsverfahren hinrichten lassen, Menschen entführen, Erpressungsgelder nehmen und mit Drogen handeln, nicht verurteilt werden, ist eine Demokratisierung der Türkei nicht möglich, wird es keine Stabilität, keinen Frieden und keine Ruhe in der Türkei geben.

Zum Schluss

Heute gibt es viele Lehren, die aus dem Muglali-Ereignis, dem heute der Anschein einer Heldentat gegeben und nach dem die Kommandantur der Grenzgendarmerie Özalp benannt werden soll, gezogen werden müssen.

Eine Lehre ist, dass der Vier-Sterne-General Mustafa Muglali, der den Befehl zum Töten gab, verurteilt wurde. Er ist ein Täter, noch dazu einer, der Massaker zu verantworten hat. Er ist ein Täter sowohl im Sinne der Menschlichkeit als auch nach juristischen Prinzipien. Dies bleibt wahr, auch wenn der türkische Nationale Sicherheitsrat einen Kommandanten, der schwere Verbrechen gegen das Volk verübt hat und auch Massaker durchführen ließ, allem Anschein nach als „Helden“ auszeichnet. Während das Militär den Mörder-General ehrt, wird mit der Ehre des kurdischen Volkes gespielt, wird sich angemaßt, dessen Werte „zu vergewaltigen“. Weitaus lohnender sowohl für die Türkei als auch für die gesamte Menschheit wäre ein Schritt in die Richtung, die blutenden Wunden zu verbinden.

Aber dies geschieht nicht. Auch wenn sich die ganze Welt wandelt, wird sich die Sicht des Nationalen Sicherheitsrats auf die KurdInnen nicht ändern. An dieser Verleumdung, Vernichtung hält er hartnäckig und stur fest. Mit diesem Verhalten vertraut er auf die in seiner Hand liegende Gewalt. Auch wenn ihn dies kein Stück weiterbringt, hält er daran fest.

Wir werden es erleben, wie die Menschheit in nicht allzu ferner Zukunft die rassistischen, verleugnerischen und vernichtenden Generäle der Türkei beim Kragen packen und auf den Müllhaufen der Geschichte werfen wird.

Diejenigen, die an Muglali festhalten, werden nicht davor gefeit sein, dasselbe Schicksal wie er zu erleiden.

Juli 2004

           


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