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Militärische Ehrung für Urheber des “33 Kugeln”-Massakers
Das Muglali-Syndrom wird legalisiert
1992 erklärte der damalige Ministerpräsident der
Türkei, Süleyman Demirel: „Wir werden unsere Armee vom Muglali-Syndrom,
die Hände unserer Kommandanten von den Fesseln befreien.“ Damit
verhalf er Verbrechen am Volk, außergerichtlichen Hinrichtungen zur
Legalisierung.
Der Vier-Sterne-General Mustafa Muglali
ist ein Täter, noch dazu einer, der Massaker zu verantworten hat. Er
ist ein Täter sowohl im Sinne der Menschlichkeit als auch nach
juristischen Prinzipien. Dies bleibt wahr, auch wenn der türkische
Nationale Sicherheitsrat einen Kommandanten, der schwere Verbrechen
gegen das Volk verübt hat und auch Massaker durchführen ließ, allem
Anschein nach als „Helden“ auszeichnet.
Nachdem die Dorfbewohner niedergeschossen waren, gab der Bataillonskommandeur
der Grenzgendarmerie, Sükrü Tüter, den Vorfall an die 3.
Armeekommandantur wie folgt wieder:
„Die 33 Personen, die der Unterstützung der über die Grenze
eingedrungenen iranischen Banditen beschuldigt und festgenommen
wurden, sind uns vom Landratsamt übergeben worden, damit sie uns
zeigen, welche Wege die Banditen nehmen. Wir brachten sie an die
Grenze und verlangten, dass sie uns die Wege über die Grenze zeigen.
Sie zeigten uns einige Schleichwege, die uns ohnehin klar waren. Als
wir in Cilli an den Fluss Sefo kamen, wurde von jenseits der Grenze
aus (aus dem Iran) das Feuer eröffnet.
Einige der 33 Personen
sprangen auf die Tiere unserer Kavallerie, andere versuchten, zu Fuß
fortzukommen. So gerieten sie zwischen die Fronten und waren nach
einer Weile vernichtet. Ich will diesen Sachverhalt an die höhere
Ebene weiterleiten.“
Das Protokoll des
Bataillonskommandeurs Sükrü Tüter an den Landrat von Özalp vom 30.
Juli 1943, mit unterschrieben von verschiedenen Kommandeuren,
lautete:
„Um die heimlichen
Zugangswege an unserer Ostgrenze entlang der Caldiran-Zone
festzustellen, begab sich unsere Einheit mit 16 nahen Freunden der
iranischen Marodeure in die Cilli-Scharte. Nach einem langen Marsch
machten wir in der Nähe der Grenze Rast, um unsere Tiere pausieren
zu lassen, als plötzlich über die Grenze vom Rand des Karatepe aus
das Feuer gegen uns eröffnet wurde. Ich wies meine Soldaten an, in
Stellung zu gehen, als die Unterstützergruppe das durch den
Hinterhalt verursachte Durcheinander zu nutzen und zum Teil mit
Hilfe unserer Pferde zu flüchten versuchte und ich gezwungen war,
auf sie schießen zu lassen. So begannen wir zu Pferd ein Gefecht 200
Meter vor dem Berg Nahir.
Ein Teil der von uns
fliehenden Unterstützergruppe konnte meiner Meinung nach in dem
Gefecht bis ca. 500 bis 600 Meter vor die Grenze entkommen. Während
des zwei Stunden dauernden Gefechts haben wir keinerlei Verluste
erlitten und 81 Kugeln verschossen, es wurden von uns 43 iranische
Patronenhülsen gefunden. Diese polizeiliche Bescheinigung ist in der
Takorengiz-Zone erstellt worden.“
Die Sache lässt
sich nicht länger verheimlichen
Der Vier-Sterne-General
Mustafa Muglali schrieb dem Nationalen Sicherheitsrat:
„Bei meiner Inspektion
der Özalp-Zone habe ich es für sehr nützlich gehalten, verschiedene
Personengruppen, die die Özalp-Region sehr gut kennen, Verwandte auf
iranischem Boden haben und viel über die Clans wissen, die oft in
unserer Heimat marodieren, in das Grenzgebiet zu führen, um
grundlegende Informationen darüber zu erhalten, auf welchen
heimlichen Wegen die Marodeure ungesehen die Grenze zum Iran
übertreten, und so die seit ewigen Zeiten währenden Raubzüge in
dieser Gegend zu verhindern. Wie wir auf Befehl mit einem
Offizierskommando die in die Grenzzone transferierten Personen in
einzelnen Gruppen in den Bereich der Cilli-Scharte führten, wurde
von jenseits der Grenze her plötzlich das Feuer auf die Gruppen
eröffnet. Ein Teil bemächtigte sich der Tiere der Kavallerie, ein
weiterer Teil versuchte, über die Grenze zu fliehen. Die
Schutztruppen waren gezwungen, umgehend Waffen einzusetzen, wodurch
besagte Personen zwischen die Feuer beider Seiten gerieten. Um zu
verhindern, dass einem Teil von ihnen, dem es gelungen war, die
Grenze zu überschreiten, im Ergebnis des Gefechts die Flucht
geglückt wäre, wurden sie nach unserer Einschätzung vollständig
vernichtet. Während des Zusammenstoßes ist ein Offizier, der einer
der Gruppen vorstand, an der Hand verletzt worden. Die einzelnen
Gruppenverantwortlichen haben sich sehr positiv gezeigt. Ich bitte
die Kommandantur Van hiervon zu unterrichten. Gez.: 3.
Inspektionsgeneral Mustafa Muglali.“
Parlaments- und
Gerichtsprozesse
Trotzdem das „33-Kugeln“-Massaker
immer mal wieder thematisiert wurde, kann man nicht davon sprechen,
dass etwas erreicht worden ist. Wegen der Terrorwelle, die das
Einparteiendiktat wüten ließ, war es niemandem möglich, Herr dieses
Themas zu werden. Die KurdInnen waren die einzigen, die einen
Aufschrei hören ließen und Widerstand leisteten! Doch war niemand in
Sicht, der ihre Stimmen erhörte.
Wegen der beginnenden „Parteienkonkurrenz“
als Ergebnis der Veränderungen im politischen Leben der Türkei, die
sich nach dem II. Weltkrieg in den neuen Kräfteverhältnissen einen
Platz suchte und sich dem Westen und insbesondere der NATO verdingte,
kam das Thema auf die Tagesordnung und wurde in diesem Sinne
angegangen.
Das Massaker ist zum
ersten Mal am 7. Februar 1948 durch die Eingabe des Demokratiepartei-Abgeordneten
von Kütahya, Adnan Menderes, des Abgeordneten von Kayseri, Fikri
Apaydin, und des Abgeordneten von Eskisehir, Ismail Hakki Cevik, auf
die parlamentarische Tagesordnung gesetzt und dann an eine
Untersuchungskommission übergeben worden.
Als Ergebnis
langandauernder Untersuchungen und Diskussionen war der Nationale
Sicherheitsrat, so sehr er sich auch dagegen sträubte, gezwungen,
gegen Muglali einen Prozess zu eröffnen. Am 9. September 1949
beschuldigte der militärische Staatsanwalt Serif Citak vor dem
Militärgericht des Nationalen Sicherheitsrats Muglali und dessen
Gesinnungsgenossen eines Verbrechens und forderte als Sühne die
Todesstrafe.
Auf die Frage, warum
er den Befehl gegeben habe, die 33 Dorfbewohner niederzuschießen,
erklärte Muglali:
„In jenen Jahren war
der Iran unter der Mithilfe Amerikas und Englands durch Russland
besetzt worden. Die Russen gründeten in Mahabat eine kurdische
Republik unter dem Ministerpräsidenten Seyh Gazi Mehmet. Die Kurden
leisteten den Russen Agentendienste. Darum konnten an die Ereignisse
in Bezug auf die Kurden keine normalen Maßstäbe angelegt werden, sie
nicht mit normalem Staatsverständnis behandelt werden.“
Die Worte Muglalis
gaben selbstverständlich nicht die Wirklichkeit wieder. Die
kurdische Republik Zira Mahabat ist erst drei Jahre nach dem „33-Kugeln“-Massaker,
am 22. Januar 1946, gegründet worden.
Das Gericht verurteilte
Muglali am 2. März 1950 erst zum Tode und dann, in Anbetracht seines
Alters, zu 28 Jahren schwerer Haft. Und diese Strafe wurde aufgrund
seiner militärischen Dienste um acht Jahre verringert.
Das Muglali-Syndrom
Der Anwalt Muglalis,
Cahit Oral, behauptete in einem Antrag an das Gericht, dass sein
Mandant „nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte“ sei und
entlassen werden müsse, da „Verrückte“ nicht zu verurteilen seien.
Das Gericht erkannte die Definition nicht an, denn dadurch würde
„der militärische Stand beleidigt“ werden. Der Generalleutnant
Yasinkilic gab dazu folgenden Kommentar: “ Die Person, deren
Unzurechnungsfähigkeit behauptet wird, hat drei Jahre lang die
Befehlsgewalt in der Armee ausgeübt. Eine solche Behauptung würde
die Armee beleidigen.”
Muglali erkrankte einen Monat nach seiner Verurteilung; im
staatlichen Krankenhaus von Ankara, in das er verlegt wurde,
verstarb er am 11. Dezember 1951.
1992 erklärte der
damalige Ministerpräsident der Türkei, Süleyman Demirel: „Wir werden
unsere Armee vom Muglali-Syndrom, die Hände unserer Kommandanten von
den Fesseln befreien.“ Damit verhalf er Verbrechen am Volk,
außergerichtlichen Hinrichtungen zur Legalisierung.
Und so gab es in den
Jahren 1992 bis 1995 neue „33-Kugeln“-Massaker, das Land der
KurdInnen wurde in ein Massengrab verwandelt.
Hinter dem Wunsch, sich
vom Muglali-Syndrom befreien zu wollen, steht die Absicht, korrupte
Strukturen zu sichern, einem immer mehr von Banden geführten Staat
zu mehr Macht zu verhelfen. Dies ist gelungen, und die
diesbezügliche Rechnung ist sehr hoch. Bevor Zivilisten wie Demirel,
Ciller und Agar und Angehörige des Militärs wie Dogan Güres und Veli
Kücük, die Banden bilden, ohne Gerichtsverfahren hinrichten lassen,
Menschen entführen, Erpressungsgelder nehmen und mit Drogen handeln,
nicht verurteilt werden, ist eine Demokratisierung der Türkei nicht
möglich, wird es keine Stabilität, keinen Frieden und keine Ruhe in
der Türkei geben.
Zum Schluss
Heute gibt es viele
Lehren, die aus dem Muglali-Ereignis, dem heute der Anschein einer
Heldentat gegeben und nach dem die Kommandantur der Grenzgendarmerie
Özalp benannt werden soll, gezogen werden müssen.
Eine Lehre ist, dass
der Vier-Sterne-General Mustafa Muglali, der den Befehl zum Töten
gab, verurteilt wurde. Er ist ein Täter, noch dazu einer, der
Massaker zu verantworten hat. Er ist ein Täter sowohl im Sinne der
Menschlichkeit als auch nach juristischen Prinzipien. Dies bleibt
wahr, auch wenn der türkische Nationale Sicherheitsrat einen
Kommandanten, der schwere Verbrechen gegen das Volk verübt hat und
auch Massaker durchführen ließ, allem Anschein nach als „Helden“
auszeichnet. Während das Militär den Mörder-General ehrt, wird mit
der Ehre des kurdischen Volkes gespielt, wird sich angemaßt, dessen
Werte „zu vergewaltigen“. Weitaus lohnender sowohl für die Türkei
als auch für die gesamte Menschheit wäre ein Schritt in die Richtung,
die blutenden Wunden zu verbinden.
Aber dies geschieht
nicht. Auch wenn sich die ganze Welt wandelt, wird sich die Sicht
des Nationalen Sicherheitsrats auf die KurdInnen nicht ändern. An
dieser Verleumdung, Vernichtung hält er hartnäckig und stur fest.
Mit diesem Verhalten vertraut er auf die in seiner Hand liegende
Gewalt. Auch wenn ihn dies kein Stück weiterbringt, hält er daran
fest.
Wir werden es erleben,
wie die Menschheit in nicht allzu ferner Zukunft die rassistischen,
verleugnerischen und vernichtenden Generäle der Türkei beim Kragen
packen und auf den Müllhaufen der Geschichte werfen wird.
Diejenigen, die an
Muglali festhalten, werden nicht davor gefeit sein, dasselbe
Schicksal wie er zu erleiden.
Juli 2004
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