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Über
die Aktivitäten der Kontra-Guerilla 1994
Trockne den Sumpf aus, anstatt die
Mücken zu bekämpfen!
Immer mehr Massengräber
von ZivilistInnen, die in den 80ern und 90ern während der
kriegerischen Konflikte vom türkischen Militär ermordet worden sind,
werden entdeckt. Im Folgenden veröffentlichen wir die Eindrücke von
Seyit Evran, der Zeuge der Geschehnisse im Landkreis Pasûr (Kulp) in
Amed (Diyarbakir) wurde. Unzählige ZivilistInnen wurden dort 1994
Opfer der Kontra-Guerilla.
Es war das Jahr 1994.
Jahrestag des 5. April, an dem Mustafa Kemal nach Diyarbakir
gekommen war ... Soldaten unter dem Befehl des Kommandanten der
Kommandobrigade von Bolu, Yavuz Ertürk, und Sondereinheiten sowie
Dorfschützer eröffneten eine weit reichende Militäroperation.
Ca. 100 000 Soldaten wurden in das Gebiet geholt. Sie begannen
gemeinsam mit Spezialeinheiten und Dorfschützern die letzten
Vorbereitungen für die Operation. Vorher wurden jedoch die
Polizeiposten in den Orten Silavan, Sêdêknê, Hezro (Hazro), Licê-Zentrum,
Angül, Pasûr-(Kulp-)Zentrum, Sirtik, Seyh Hamza (Dorfschützerdorf),
Dicle-Zentrum, Mus, Dareyene-(Genç-)Zentrum, Sivan, Vusçur, Aricak-Zentrum
sowie Qabicews-(Sason-)Zentrum als zentrale Operationsbasen
ausgewählt.
Ziel der
Operation
Die Kommandobrigade von
Bolu kannte keinerlei internationale Kriegsregeln. Ziel der
Operation, die von den Einheiten unter dem Befehl von Yavuz Ertürk
geführt wurde, war nach dem damaligen Vorsitzenden des Großen
Generalstabs, Dogan Güres: „Trockne den Sumpf aus, anstatt die
Mücken zu bekämpfen!” Man bezog sich mit dieser Strategie auf eine
alte chinesische Weisheit. Deren konkrete Bedeutung ist den
KurdInnen in ihrer gesamten tragischen Geschichte kein wenig fremd
gewesen: Kurdistan sollte menschenleer, die Dörfer angezündet und
zerstört und die Menschen wenn nötig aus ihrer Heimat verbannt
werden.
Die von der
Kommandobrigade Bolu unter dem Befehl von Yavuz Ertürk geführte
Operation ging durch den Funkspruch “Malkoc”
in die Guerilla- und PKK-Literatur ein. Auch die Bevölkerung kannte
die Codes dieser Operation. Anfang Mai begann diese nämlich mit dem
Funkspruch „Malkoc 1,2,3 ...”.
Die Soldaten näherten
sich dem Gebiet aus verschiedenen Richtungen, ausgehend von Hezro,
Farqîn (Silvan) und Qabicews. Nachdem sie dort auf keine
Guerillaeinheiten getroffen sind, begannen sie in die Dörfer
hineinzugehen. Auf Befehl von Yavuz Ertürk haben die jeweils
Verantwortlichen in den Dörfern auf kurzen Versammlungen mit den
Bewohnern versucht, sie dazu zu bringen Dorfschützer zu werden. Doch
diese lehnten ab, was von den Stützpunkten aus an Ertürk
weitergeleitet wurde.
Ertürk hielt sich
damals an das Prinzip von Dogan Güres: „Trockne den Sumpf aus,
anstatt die Mücken zu bekämpfen.” Über Funk gab er den Befehl:
“Startet den Einsatz Rom!”
Die Soldaten begannen auf diesen Befehl hin, ihre Aufgabe zu
erfüllen, also die Dörfer zu zerstören. Sie kamen ihrem Auftrag nach
und erlaubten den DorfbewohnerInnen nicht einmal, ihr Hab und Gut
aus den Häusern zu holen. Knapp eine Woche nach dem Beginn der
Operation wurden in der Nähe von Farqîn Sêdeknê die Dörfer Sêlima,
Hevrê, Mala Gir sowie das für seine starken bewaffneten Milizen
Mehdi und Mervan bekannte Gimat angezündet.
In Qabicews wurden alle
Dörfer am Berg Metero angezündet. Die Soldaten hinterließen überall,
wo sie vorbeikamen, verbrannte Erde. Sie bewegten sich in Richtung
Sehit Kendal, das im Norden von Hezro, Farqîn, Licê und Pasûr liegt.
20 Dörfer am Rande des Flusses von Pasûr wurden angezündet, weil die
Bewohner es ablehnten, Dorfschützer zu werden. Den Befehl hierzu
erhielten die Soldaten direkt von Ertürk. Die Menschen, deren Dörfer
zerstört worden waren, berichteten: „Die Soldaten von Bolu
hinterließen überall nur verbrannte Erde.”
Die ersten Morde ...
Die Wege von Ergani bis
nach Pasûr sind sehr uneben. Aber trotzdem haben die Soldaten unter
Ertürk ihre im Mai gestartete Operation im Südosten des Taurus
Anfang Juni beendet.
Allerdings war diese
Operation nicht auf die Zerstörung von Dörfern begrenzt. Hier war
zugleich auch die Stätte ihrer ersten Morde. Die Männer aus dem Dorf
Hüseynik haben nach den ersten Morden ihr Dorf verlassen. Der ca.
70-jährige Hamza Kacmaz konnte das nicht. Ihn haben Soldaten aus
seinem Haus geholt und mitgenommen, weil er der Onkel von Fesih
Kacmaz (Codename Öncü Meheme), Yusuf Haran (Serdar) und Cevdet Haran
(Remzi) war. Sein Neffe Cevat Haran sowie sein Cousin Masuk Kaçmaz
haben sich anschließend an die Staatsanwaltschaft in Licê und Amed
gewendet, mit der Begründung, von Hamza Kacmaz fehle, seitdem er von
Soldaten in Gewahrsam genommen worden sei, jede Spur.
Seine Angehörigen
wandten sich außerdem auch an den Menschenrechtsverein in Amed, aber
nichts hat geholfen. Ein Jahr später wurde seine Leiche gefunden.
Seine Knochen lagen zwischen Steinen auf einem Hügel an einer Straße
von seinem Dorf in Richtung Zentrum. Die Leiche wurde von seiner
Ehefrau, seinen Verwandten und Kindern identifiziert.
Hamza Kacmaz war nicht
das einzige Opfer dieser von Mai bis Anfang Juni in diesem Gebiet
durchgeführten Operation unter dem Befehl und der Verantwortung von
Yavuz Ertürk.
Mit der Ermordung der
Geschwister Fevzi und Kemal Kaya sowie von Akif aus dem Dorf Cumar
begann hier 1993 die Zeit der „Morde ohne Täter”. Weil sie mit
Guerillas verwandt waren, wurden fünf Bewohner des Dorfes Cumar und
sieben aus Goma Pir zum Berg Sîsê gebracht und dort getötet.
Die Verwandten dieser
ermordeten Dorfbewohner mussten zunächst einmal nach Licê fortziehen.
Ein schriftlicher Antrag an die dortige Staatsanwaltschaft besagt,
dass zwölf Personen von Soldaten aus Bolu in Gewahrsam genommen
worden seien und seitdem jegliche Spur fehle, ihre Häuser und Dörfer
von diesen Soldaten zerstört worden seien. Die Staatsanwaltschaft
ließ das Gesuch der DorfbewohnerInnen unbeantwortet. Jedoch fand die
Guerilla, die nach Beendigung der Operation in das Gebiet
zurückgekehrt war, die Leichen dieser zwölf Personen. Die Guerilla
gab den Familienangehörigen daraufhin Bescheid und übergab ihnen die
Leichen auf dem Berg Sîsê. Die Leichen wurden im Zentrum von ihren
Kindern, Verwandten und anderen DorfbewohnerInnen beerdigt.
Köpfe von
Guerillas zur Schau gestellt
Bis Ende Juni wurden
während der Operationen im Gebiet Sehit Remzi die Dörfer Gavnar, Riz,
Pranz, Neban, das 500 Häuser umfassende Hindiv, Mizak, Merg, Hedik,
Zengasor, Norsin und sechs Siedlungen unterhalb von Solhan (von der
Guerilla Geliyê Koviya genannt, offiziell jedoch Geyikler Deresi)
angezündet. Yavuz Ertürk, bekannt für seine Orders zu Brandstiftung,
Zerstörung und Entvölkerung, wurde hier seinem Ruf durch Morde
gerecht. Die unter dem Namen Berzan aus Bismil bekannte Person,
zwölf verwundete Guerillas sowie neun Personen aus dem Dorf Norsin
wurden hier ermordet. Die Köpfe der getöteten Guerillas ließ der
Dorfschützerführer Haci Beso aus Tiyaks auf einem schmalen Pfad
aufstellen.
In den Gebieten Dorsin
und Sehit Remzi, im Norden von Licê und Pasûr, führten die Einheiten
unter Ertürk die Operationen fort. Die von Dareyene aus
aufgebrochenen Einheiten fingen beim Dorf Mistan an, die Dörfer
Merza Sel, Merza Kal, Arhat, Karat, Gomlari, Hegay Deri (Dorf des
Abgeordneten Hasan Deger), Sacyo, Filmamê, Murtezan sowie die Dörfer
Bloko, Alimira und Gorna Ali am Rande des Bachs Sarim
niederzubrennen.
Vier
Geschwister verbrannten
Aufgrund des
Tötungsbefehls von Yavuz Ertürk wurden im Dorf Murtezan vier
Geschwister in ihr Haus gesperrt, das anschließend angezündet worden
ist. Die BewohnerInnen des zerstörten Dorfes zogen daraufhin zu
ihren Verwandten nach Adana. Die Geschwister und Verwandten der in
dem Haus Verbrannten wandten sich Dezember 1994 an
zivilgesellschaftliche Organisationen und Menschenrechtsvereine und
berichteten, dass die vier eingesperrt und anschließend verbrannt
worden seien. Bei der Staatsanwaltschaft von Adana stellten sie
Strafanzeige gegen die Soldaten, die das Haus angezündet hatten,
worauf jedoch keinerlei Antwort erfolgte.
Fußnote:
*Kara Malkoc Beg, in
frühosmanischer Zeit (16. Jhdt.) in Bosnien Anführer der irregulären
Truppe der Akinci, der unbesoldete, auf Plünderung angewiesene
Vortrab der mittelalterlichen osmanischen Armee.
13. Januar 2005
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