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Trockne den Sumpf aus, anstatt die Mücken zu bekämpfen! (13. januar 2005)

Über die Aktivitäten der Kontra-Guerilla 1994

Trockne den Sumpf aus, anstatt die Mücken zu bekämpfen!

Immer mehr Massengräber von ZivilistInnen, die in den 80ern und 90ern während der kriegerischen Konflikte vom türkischen Militär ermordet worden sind, werden entdeckt. Im Folgenden veröffentlichen wir die Eindrücke von Seyit Evran, der Zeuge der Geschehnisse im Landkreis Pasûr (Kulp) in Amed (Diyarbakir) wurde. Unzählige ZivilistInnen wurden dort 1994 Opfer der Kontra-Guerilla.

Es war das Jahr 1994. Jahrestag des 5. April, an dem Mustafa Kemal nach Diyarbakir gekommen war ... Soldaten unter dem Befehl des Kommandanten der Kommandobrigade von Bolu, Yavuz Ertürk, und Sondereinheiten sowie Dorfschützer eröffneten eine weit reichende Militäroperation.
Ca. 100 000 Soldaten wurden in das Gebiet geholt. Sie begannen gemeinsam mit Spezialeinheiten und Dorfschützern die letzten Vorbereitungen für die Operation. Vorher wurden jedoch die Polizeiposten in den Orten Silavan, Sêdêknê, Hezro (Hazro), Licê-Zentrum, Angül, Pasûr-(Kulp-)Zentrum, Sirtik, Seyh Hamza (Dorfschützerdorf), Dicle-Zentrum, Mus, Dareyene-(Genç-)Zentrum, Sivan, Vusçur, Aricak-Zentrum sowie Qabicews-(Sason-)Zentrum als zentrale Operationsbasen ausgewählt.

Ziel der Operation

Die Kommandobrigade von Bolu kannte keinerlei internationale Kriegsregeln. Ziel der Operation, die von den Einheiten unter dem Befehl von Yavuz Ertürk geführt wurde, war nach dem damaligen Vorsitzenden des Großen Generalstabs, Dogan Güres: „Trockne den Sumpf aus, anstatt die Mücken zu bekämpfen!” Man bezog sich mit dieser Strategie auf eine alte chinesische Weisheit. Deren konkrete Bedeutung ist den KurdInnen in ihrer gesamten tragischen Geschichte kein wenig fremd gewesen: Kurdistan sollte menschenleer, die Dörfer angezündet und zerstört und die Menschen wenn nötig aus ihrer Heimat verbannt werden.

Die von der Kommandobrigade Bolu unter dem Befehl von Yavuz Ertürk geführte Operation ging durch den Funkspruch “Malkoc” in die Guerilla- und PKK-Literatur ein. Auch die Bevölkerung kannte die Codes dieser Operation. Anfang Mai begann diese nämlich mit dem Funkspruch „Malkoc 1,2,3 ...”.

Die Soldaten näherten sich dem Gebiet aus verschiedenen Richtungen, ausgehend von Hezro, Farqîn (Silvan) und Qabicews. Nachdem sie dort auf keine Guerillaeinheiten getroffen sind, begannen sie in die Dörfer hineinzugehen. Auf Befehl von Yavuz Ertürk haben die jeweils Verantwortlichen in den Dörfern auf kurzen Versammlungen mit den Bewohnern versucht, sie dazu zu bringen Dorfschützer zu werden. Doch diese lehnten ab, was von den Stützpunkten aus an Ertürk weitergeleitet wurde.

Ertürk hielt sich damals an das Prinzip von Dogan Güres: „Trockne den Sumpf aus, anstatt die Mücken zu bekämpfen.” Über Funk gab er den Befehl: “Startet den Einsatz Rom!”
Die Soldaten begannen auf diesen Befehl hin, ihre Aufgabe zu erfüllen, also die Dörfer zu zerstören. Sie kamen ihrem Auftrag nach und erlaubten den DorfbewohnerInnen nicht einmal, ihr Hab und Gut aus den Häusern zu holen. Knapp eine Woche nach dem Beginn der Operation wurden in der Nähe von Farqîn Sêdeknê die Dörfer Sêlima, Hevrê, Mala Gir sowie das für seine starken bewaffneten Milizen Mehdi und Mervan bekannte Gimat angezündet.

In Qabicews wurden alle Dörfer am Berg Metero angezündet. Die Soldaten hinterließen überall, wo sie vorbeikamen, verbrannte Erde. Sie bewegten sich in Richtung Sehit Kendal, das im Norden von Hezro, Farqîn, Licê und Pasûr liegt. 20 Dörfer am Rande des Flusses von Pasûr wurden angezündet, weil die Bewohner es ablehnten, Dorfschützer zu werden. Den Befehl hierzu erhielten die Soldaten direkt von Ertürk. Die Menschen, deren Dörfer zerstört worden waren, berichteten: „Die Soldaten von Bolu hinterließen überall nur verbrannte Erde.”

Die ersten Morde ...

Die Wege von Ergani bis nach Pasûr sind sehr uneben. Aber trotzdem haben die Soldaten unter Ertürk ihre im Mai gestartete Operation im Südosten des Taurus Anfang Juni beendet.

Allerdings war diese Operation nicht auf die Zerstörung von Dörfern begrenzt. Hier war zugleich auch die Stätte ihrer ersten Morde. Die Männer aus dem Dorf Hüseynik haben nach den ersten Morden ihr Dorf verlassen. Der ca. 70-jährige Hamza Kacmaz konnte das nicht. Ihn haben Soldaten aus seinem Haus geholt und mitgenommen, weil er der Onkel von Fesih Kacmaz (Codename Öncü Meheme), Yusuf Haran (Serdar) und Cevdet Haran (Remzi) war. Sein Neffe Cevat Haran sowie sein Cousin Masuk Kaçmaz haben sich anschließend an die Staatsanwaltschaft in Licê und Amed gewendet, mit der Begründung, von Hamza Kacmaz fehle, seitdem er von Soldaten in Gewahrsam genommen worden sei, jede Spur.

Seine Angehörigen wandten sich außerdem auch an den Menschenrechtsverein in Amed, aber nichts hat geholfen. Ein Jahr später wurde seine Leiche gefunden. Seine Knochen lagen zwischen Steinen auf einem Hügel an einer Straße von seinem Dorf in Richtung Zentrum. Die Leiche wurde von seiner Ehefrau, seinen Verwandten und Kindern identifiziert.

Hamza Kacmaz war nicht das einzige Opfer dieser von Mai bis Anfang Juni in diesem Gebiet durchgeführten Operation unter dem Befehl und der Verantwortung von Yavuz Ertürk.

Mit der Ermordung der Geschwister Fevzi und Kemal Kaya sowie von Akif aus dem Dorf Cumar begann hier 1993 die Zeit der „Morde ohne Täter”. Weil sie mit Guerillas verwandt waren, wurden fünf Bewohner des Dorfes Cumar und sieben aus Goma Pir zum Berg Sîsê gebracht und dort getötet.

Die Verwandten dieser ermordeten Dorfbewohner mussten zunächst einmal nach Licê fortziehen. Ein schriftlicher Antrag an die dortige Staatsanwaltschaft besagt, dass zwölf Personen von Soldaten aus Bolu in Gewahrsam genommen worden seien und seitdem jegliche Spur fehle, ihre Häuser und Dörfer von diesen Soldaten zerstört worden seien. Die Staatsanwaltschaft ließ das Gesuch der DorfbewohnerInnen unbeantwortet. Jedoch fand die Guerilla, die nach Beendigung der Operation in das Gebiet zurückgekehrt war, die Leichen dieser zwölf Personen. Die Guerilla gab den Familienangehörigen daraufhin Bescheid und übergab ihnen die Leichen auf dem Berg Sîsê. Die Leichen wurden im Zentrum von ihren Kindern, Verwandten und anderen DorfbewohnerInnen beerdigt.

Köpfe von Guerillas zur Schau gestellt

Bis Ende Juni wurden während der Operationen im Gebiet Sehit Remzi die Dörfer Gavnar, Riz, Pranz, Neban, das 500 Häuser umfassende Hindiv, Mizak, Merg, Hedik, Zengasor, Norsin und sechs Siedlungen unterhalb von Solhan (von der Guerilla Geliyê Koviya genannt, offiziell jedoch Geyikler Deresi) angezündet. Yavuz Ertürk, bekannt für seine Orders zu Brandstiftung, Zerstörung und Entvölkerung, wurde hier seinem Ruf durch Morde gerecht. Die unter dem Namen Berzan aus Bismil bekannte Person, zwölf verwundete Guerillas sowie neun Personen aus dem Dorf Norsin wurden hier ermordet. Die Köpfe der getöteten Guerillas ließ der Dorfschützerführer Haci Beso aus Tiyaks auf einem schmalen Pfad aufstellen.

In den Gebieten Dorsin und Sehit Remzi, im Norden von Licê und Pasûr, führten die Einheiten unter Ertürk die Operationen fort. Die von Dareyene aus aufgebrochenen Einheiten fingen beim Dorf Mistan an, die Dörfer Merza Sel, Merza Kal, Arhat, Karat, Gomlari, Hegay Deri (Dorf des Abgeordneten Hasan Deger), Sacyo, Filmamê, Murtezan sowie die Dörfer Bloko, Alimira und Gorna Ali am Rande des Bachs Sarim niederzubrennen.

Vier Geschwister verbrannten

Aufgrund des Tötungsbefehls von Yavuz Ertürk wurden im Dorf Murtezan vier Geschwister in ihr Haus gesperrt, das anschließend angezündet worden ist. Die BewohnerInnen des zerstörten Dorfes zogen daraufhin zu ihren Verwandten nach Adana. Die Geschwister und Verwandten der in dem Haus Verbrannten wandten sich Dezember 1994 an zivilgesellschaftliche Organisationen und Menschenrechtsvereine und berichteten, dass die vier eingesperrt und anschließend verbrannt worden seien. Bei der Staatsanwaltschaft von Adana stellten sie Strafanzeige gegen die Soldaten, die das Haus angezündet hatten, worauf jedoch keinerlei Antwort erfolgte.

Fußnote:

*Kara Malkoc Beg, in frühosmanischer Zeit (16. Jhdt.) in Bosnien Anführer der irregulären Truppe der Akinci, der unbesoldete, auf Plünderung angewiesene Vortrab der mittelalterlichen osmanischen Armee.

13. Januar 2005

 


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